Das Streiflicht

Monday, May 3rd, 2004 | Sport

(aus der Süddeutschen)

Jetzt, wo es in der Bundesliga aufs Ende zugeht, is abermals die hohe Zeit der Fetische angebrochen. In Hannover glauben sie an eine geheimnissvolle, den Abstieg verhindernde Kraft, die im Schal des Trainers schlummert. In Kaiserslautern ketten sie ein paar verfilzte Teufelchen an eine Stange hinterm Tor. Und in München ???
Naja, in München wittert Manager Uli Hoeneß Verrat, aber darum soll es hier nicht gehen. Uli Hoeneß wittert immer Verrat, wenn er nicht ganz oben steht, er kann nicht umgehen mit Niederlagen. Da wird er wild, lächerlich wild. Aber, er kann nichts machen in diesem Jahr, es ist wie verhext. Seine Bommelmütze, zur Weihnachtszeit getragen, bommelt den Konkurrenten aus Bremen keine Angst ein. Und von den geflätschten Nussknackerzähnen des Torwarts Kahn lassen sich die Bremer auch nicht wegbeißen. Die Bremer haben die beste Mannschaft und den allerbesten Glücksbringer, den es gibt. Ein Mensch als Maskottchen, wie Franz Müntefering für die SPD. Bei Werder Bremen heißt dieser Mann Ailton.
Ailton, Stürmer mit der Nummer 32, erfüllt alle Voraussetzungen, die einen Mann zum Maskottchen reifen lassen. Optisch kommt er, bestehend aus 2 Kugeln mit Beinen dran, einen Teddybären nahe, und inhaltlich zelebriert seine Rolle als Symbol wie keiner vor ihm. Rasiert sich A ins kurze Haar überm fleischigen Nacken. Spielt in roten Stiefeln, wechselt aber, wie beim 6:0 gegen Hamburg, in der Halbzeit auf blau. Mit blau hat er getroffen, das Stadion war eine rauschende Menge und er, der kleine Mann aus brasilianischen Baracken, war deren Zentrum. Fast schien er zu weinen, da riss er sich das Trikot vom Leib, bettete es auf den Platz, küsste die Raute, das Vereinssymbol. Wenn Ailton ausgewechselt wird, winkt er ins Publikum wie ein Staatspräsident auf seiner letzten Reise. Wenn er nach dem Spiel interviewt wird, sagt er:” Ailton gutt, Familie gutt, alles gutt.” Der Rest ist nicht zu verstehen. Als ein Maskottchen muss ja nicht verstanden werden. Es muss gefühlt werden. Das ist ein großer Unterschied.
Also, jetzt geht es auf das Ende zu, nur noch 3 Spiele, dann wird Ailton fortziehen aus Bremen, nach Schalke, wo es noch mehr zu verdienen gibt. Aber, ein Maskottchen kann man nicht verpflanzen. Er verflucht wohl schon den Tag, an dem er diesen Wechseln beschlossen hat, allein: Vertrag ist Vertrag. Andererseits ist jetzt jedes Spiel ein Abschiedsspiel, mit roten Schuhen und blauen Schulen und Gebetsteppichen, die wie Trikots aussehen. Und mit Toren. Er hat schon 26 geschossen, und nächsten Samstag bommelt er dem Hoeneß eins rein und fletscht dem Kahn eins hinterher. Und dann werden sie Meister sein, seine Bremer, und Ailton wir weinen, und jeder wird weinen, und alles, alles ist gutt.

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