Berichte aus Afghanistan

Sunday, May 23rd, 2004 | Uncategorized

Mein ehemaliger Mitbewohner Carsten Stormer schreibt seine Abschlussarbeit im Journalistikstudiengang in Afghanistan und schickt von Zeit zu Zeit Berichte und Photos. Mit seiner Erlaubnis stelle ich hier den ersten Bericht online, weitere werden folgen:

Zuerst mal: Ich bin gut angekommen und lebe mich gerade ein. Da ich auf mich alleine gestellt bin, tue ich mich relativ schwer hier alles zu erledigen – immerhin ist das hier die vierte und nicht mehr die dritte Welt und alles braucht fünf Tage statt einem.

Ich bin bei dem NGO Handicap International untergekommen, die mich unterstützen, soweit es geht. Seit Tagen versuche ich verzweifelt meine Akkredetierung fuer die ISAF Truppen zu bekommen, aber so wie es aussieht muss ich mich alleine durchschlagen. Die guten Offiziere halten nicht viel von extra Arbeit und noch weniger von Journalisten. Die italienischen und amerikanischen Soldaten am gate kennen mich schon und wir rauchen jeden morgen ein paar Zigaretten miteinander, bis ich weitergeschickt werde. Es ist schon ein komisches Gefuehl in einer besetzten Stadt zu sein. ISAF Headquarter gleicht einer Festung, ueber dem Flughafen Kabul weht die deutsche Fahne, ueberall stehen bis an die Zaehne bewaffnete Soldaten herum und deutsche Polizeiautos fahren durch die Strassen – gruen und weiss, die Polizeipraesenz ist fast so gross wie in Muenchen…
Ein deutscher Soldat hat mich entgeistert gefragt, ob es nich a bisserl gefaehrlich ist als Zivilist durch Kabuls Strassen zu laufen. Eigentlich nicht! Ich mache hier nur positive Erfahrungen und die Menschen sind durchweg freundlich. Aber was soll man erwarten, wenn man die ganze Zeit hinter Stacheldraht eingesperrt ist und nur auf Patrouille raus darf. Meiner Meinung nach geht das ganze Engagement ziemlich an den Beduerfnissen der Afghanen vorbei. Die Haelfte der Soldaten wird zum Schutz auslaendischer Einrichtungen eingesetzt und bis auf die deutschen Truppen in Kunduz und die britischen in Mazar i Sharif sind alle Kontingente in Kabul stationiert. Und siehe da: Die Taliban mucken wieder im Sueden auf. Was fuer eine Ueberraschung.
Kabul erinnert mich sehr an Phnom Penh nach dem Krieg, aber es ist faszinierend durch die Bazaare und Nebengassen zu laufen. Die ganze Stadt ist ein Truemmerhaufen aber der Aufbau ist an jeder Ecke ersichtlich. Es gibt Internet Cafes, der Bazaar ist ueberfuellt, die Strassen verstopft mit Autos und damit sich die auslaendischen ‘Helfer’ nicht zusehr mit den Afghanen mischen muessen , gibt es Pizzarien und in jedem groesseren Hotel eine Bar mit Alkohol, und aus der Heimat werden Lebensmittel eingeflogen – den Einheimischen Frass kann man ja nicht ertragen. Es ist schon ziemlich verlogen hier aber zum Glueck gibt es auch Ausnahmen. Hinter der Fassade des Aufschwungs sind aber immer noch die Ruinen des alten Kabul zu erkennen. Von Landminen verstuemmelte Menschen hinken durch die Strasse und betteln um ein paar Almosen. Viele haben den Tunnelblick, besonders Kinder oder besser gesagt Strassenkinder. 23 Jahre Krieg koennen nicht so schnell aus dem Gedaechtnis geloescht werden.
Ich bin gespannt, was mich im Rest des Landes erwartet. Kabul soll sich betraechtlich vom Rest unterscheiden. Besonders in Kandahar, der Stadt OBL’s und Mullah Omar sollen sich die alten Strukturen erhalten haben. Was mich erstaunt: Ich bin nicht schockiert ueber die das demuetigende Tragen der Burka. Zu oft habe ich die Bilder in den Medien gesehen. Sogar in Restaurants gibt es extra Nebenraeume nur fuer Frauen.
Am Mittwoch fliege ich nach Herat. Ich werde dort ueber die Hinterlassenschaft des Krieges schreiben. Sog. UXO’s, nicht explodierte Bomben, Minen, etc liegen in der ganzen Gegend verteilt. Ich werde bei deren Vernichtung anwesend sein, mit Opfern sprechen, Krankenhauser besuchen. Obwohl ich es schon oft gesehen habe kann ich immer noch nicht verstehen, dass Menschen immer noch unter solchen Umstaenden leben muessen. Ausserdem werde ich Menschen kennen lernen, die unter den Taliban besonders gelitten haben. Von Herat geht es dann weiter nach Mazar i Scharif ueber Kunduz zurueck nach Kabul. Dann weiter nach Kandahar. Die Sicherheitslage laesst es nicht zu mit dem Auto nach Kandahar zu fahren. Die Taliban sind wieder zu aktiv. Ich stehe in Kontakt mit der UNO und kann bei denen oder wieder bei Handicap unterkommen. Mehr gibt es im Augenblick nicht zu erzaehlen. Ich geh jetzt Kebab essen.

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