Gemischtes Doppel in Kabul

Tuesday, May 25th, 2004 | Uncategorized

Seit dem Fall der Taliban kann in Afghanistan wieder ungehindert Sport ausgeübt werden. Doch nicht alle Menschen haben den Krieg unbeschadet überlebt. Ein Fußballprojekt in Kabul gibt den Opfern des Krieges wieder neue Hoffnung.

Auf dem ausgetrockneten Fußballfeld laufen ausgemergelte Gestalten einem abgewetzten Ball hinterher, werfen sich in den Staub, versuchen dem Gegner den Ball abzunehmen. Die Spieler sind zwischen fünfzehn und dreißig Jahre alt. An sich nichts Ungewöhnliches, würde man sich in einem normalen Land befinden. Doch die Szene spielt in Afghanistan vor der Kulisse des ehemaligen Olympiastadions. Bis vor wenigen Jahren war die einzige Betätigung hier, die öffentlichen Hinrichtungen von Delinquenten, die gegen die absurden Normen und Regeln der Taliban verstoßen hatten, zu besuchen. Seitdem die Koalitionstruppen und die ISAF die Taliban in die Weiten der afghanischen Steppe verscheucht haben, kann man an jeder Ecke, auf jeder Wiese oder offenem Feld wieder Sport treibende Menschen sehen. Wie diese Fußballer. Doch etwas unterscheidet diese Spieler von anderen – einige von ihnen laufen auf Krücken, andere haben anstelle eines Arms nur noch einen Stumpf, der aus ihrem Ärmel herausschaut. Sie sind Opfer des 23-jährigen Krieges, die noch keinen Platz in der neuen afghanischen Gesellschaftsordnung gefunden haben.
Aufgrund des jahrzehntelangen Terrors und der extremen Gefahr von Landminen und Blindgängern lebt in Afghanistan eine besonders große Zahl von Menschen mit Behinderungen. Um ihnen ein besseres Leben zu ermöglichen hat die Hilfsorganisation Handicap International (HI) mit Unterstützung der FIFA ein Projekt zur Wiedereingliederung dieser Menschen ins Leben gerufen. Die FIFA stellte dem Projekt bereits 35.000 Euro zur Verfügung, um gemeinsam mit den nationalen Vereinigungen Trainer auszubilden und Schuhe oder Trikots zu finanzieren.
„Sport fördert die körperliche Rehabilitation aber auch das Selbstbewusstsein und die soziale Wiedereingliederung von Menschen die behindert oder traumatisiert sind“, sagt Francoise de Keersmaker von der deutschen Sektion von HI in München.
Mohamad Sardar, ein 27 jähriger Afghane mit Rambofrisur, ist einer von ihnen.. Das linke Bein des Afghanen musste amputiert werden, nachdem er auf eine Landmine trat. Auf seinen Krücken hinkt er, so schnell er auf dem unebenen Gelände kann, dem Ball hinterher. Mit einer Krücke stoppt er das Leder, mit der anderen legt er sich den Ball zurecht. Er hält kurz inne, stützt sich auf beide Gehhilfen, dann schießt er den Ball ins Tor. Jubel bricht aus. Heute wird gemischtes Doppel gespielt – in jedem Team drei Einarmige und drei Einbeinige. Die Chancengleichheit soll gewahrt werden – so zynisch das in einem Land wie Afghanistan klingen mag.
Mohamad hat keinen Job, von der afghanischen Übergangsregierung erhält er sechs Dollar im Monat – selbst in Afghanistan reicht das nicht zum Ueberleben. Einzelne Zigaretten, die er sich erbettelt, muss er am Straßenrand verkaufen, um seine Frau und seine Tochter zu ernähren. Die anderen Spieler haben ähnliche Schicksale erlitten – Landminen, Handgranaten oder Raketen haben sie ihrer Extremitäten beraubt.
Ziel des Projekts ist, neben der Integration, eine nationale Behindertenliga aufzubauen. Dies gäbe den afghanischen Spielern die Möglichkeit an großen internationalen Spielen, wie den Paralympics, Specialolympics oder internationalen Freundschaftsspielen teilnehmen zu können, um sich mit anderen Behindertenteams aus der ganzen Welt zu messen.
Trainer Sayed Kabir Hashimi, selbst durch eine Raketenexplosion verstümmelt, sagt von seinen Spielern, dass sie sehr gute Fortschritte machen. „Wenn ich bessere Trainingsmöglichkeiten hätte, könnten meine Jungs jedes Team der Welt schlagen.“ Er schwärmt von der deutschen Nationalmannschaft: „Wenn ich ein Trainingsvideo der Deutschen hätte, würde ich deren Taktik übernehmen. Die Deutschen spielen gut, von denen könnte ich lernen.“ Als er jung war spielte der Fußballbegeisterte selbst in einer Mannschaft, bis eine Rakete in die Bäckerei einschlug, in der er gerade Brot einkaufte. Hauptberuflich ist Hashimi als Rezeptionist im Wazir Akbar Khan Krankenhaus, einem pysiotherapeutischem Institut angestellt. Er ist der einzige der Mannschaft, der einen Beruf ausübt.
Noch fehlen in Afghanistan die Strukturen für Behindertensport, doch die große Erfahrung der FIFA im Bereich des Aufbaus von nationalen Verbänden wird bei diesem Prozess eine große Rolle spielen. Trainer Hashimi beklagt vor allem, dass kein Geld für den Transport der Spieler bereitgestellt wird. Aufgrund ihrer Behinderungen haben sie es besonders schwer sich in Kabul fortzubewegen. „Die Spieler kommen von überall her. Wenn das Projekt Erfolg haben soll benötigen die Spieler ein wenig Geld – und sei es nur, um sich nach dem Training mit einem Glas Milch zu stärken“, sagt er.
Wie die Spieler in den Straßen Kabuls überleben und dennoch die Energie für das Training aufbringen, weiß auch er nicht. Immerhin wird dreimal die Woche morgens und abends ein Training abgehalten. Dabei hat sich seit dem Fall der Taliban schon einiges geändert. Bis vor kurzem mussten sie noch die bärtigen Gotteskrieger um Erlaubnis bitten, um Fußball spielen zu dürfen. Oft wurden sie wegen anti-islamischer Betätigungen geschlagen oder beschimpft.
Im Schatten der zerschossenen Ruinen von Kabul werfen die Spieler ihre Krücken weg und fallen in den Staub. Das Training ist zu Ende. Sie sind erschöpft und verschwitzt doch der Spaß an dem Spiel ist ihnen deutlich anzumerken. Der einbeinige Mohamad zieht wieder seine zerfetzte Uniform an. Unter seiner Jacke blitzt eine Armeepistole aus einem Patronengurt hervor – seine Art, um in den Straßen Kabuls zu überleben.

Mein ehemaliger Mitbewohner Carsten Stormer schreibt seine Abschlussarbeit im Journalistikstudiengang in Afghanistan und schickt von Zeit zu Zeit Berichte und Photos. Dies ist einer seiner Berichte.

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Karl Klammer
25. May 2004

(Quellenangabe bei dem Artikel wäre schön,; ist von Carsten, oder?)

Mehr offizielle Infos gibt es beispielsweise hier:
http://www.auswaertiges-amt.de/www/de/aussenpolitik/friedenspolitik/afghanistan/fussball_html

http://www.fifa.com/de/development/goal/index/0,1223,100746,00.html?articleid=100746

Malte Diedrich
25. May 2004

Quellenangabe hängt jetzt dran, mehr oder weniger.

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