6 Tage in Herat

Tuesday, June 1st, 2004 | Uncategorized

Mal wieder ein Lebenszeichen! Zu erst: Mir geht es sehr gut. Ich hetze von einem Interview zum anderen und bin viel beschaeftigt. Die Erfahrungen, die ich hier mache, sind unbeschreiblich. Die Warmherzigkeit und Gastfreundschaft der Afghanen ist ueberwaeltigend und man vergisst schnell, dass man sich in einer Krisenregion befindet.

Ich bin seit sechs Tagen in Herat und wieder einmal gibt mir Handicap International grossartige Unterstuetzung, ebenso wie das Internationale Rote Kreuz. Bei meinen Recherchen ueber die Hinterlassenschaft des Krieges war ich jetzt zweimal im Feldeinsatz. Einmal in der Naehe von Herat, einmal in der Naehe der iranischen Grenze. Selbst in den Weiten der afghanischen Wueste findet man die Ruinen von im Krieg zerstoerter Haeuser, zerschossene, russische Panzer und unzaehlige Landminen und Blindgaenger. Das werde ich im naechsten Artikel genauer beschreiben. Nur soviel: Innerhalb weniger Stunden war unser Pick-Up vollbeladen mit Granaten, Bomben, Raketen und Moersern. In einem Dorf fanden wir zwei Raketen in einem Fluss. Ueberall stehen Mudschahedin mit der Kalaschnikow im Anschlag – der Frieden ist noch sehr truegerisch.
Heute war ich den ganzen Tag mit dem Internationalen Roten Kreuz unterwegs und habe einige unvergessliche Erlebnisse gemacht. In einer Herberge am Rande Herats, wird den sozial Schwaechsten – behinderten Strassenkindern, geistig Behinderten, Krueppeln oder Witwen – ein neues zu Hause gegeben. Sie erhalten Essen, Schulbildung und ein Dach ueber dem Kopf. Alles ist natuerlich sehr provisorisch und mit westlichen Massstaeben nicht zu vergleichen. Aber lachende Kinder zu sehen, die sonst keinen Chance auf den Strassen haetten, laesst ueber alle Maengel hinwegsehen. Sie haben hier eine reale Chance auf eine bessere Zukunft – zumindest haben sie einen Platz, wo sich jemand um sie kuemmert. Ein Schicksal hat mich besonders getroffen: Gulbudin, ein etwa 11 jaehriger Junge wurde vor wenigen Tagen von Soldaten im Bazaar aufgegriffen und vor der Herberge abgelegt. Gulbudin ist seit seiner Geburt drogenabhaengig. Im Augenblick befindet er sich auf kaltem Entzug. Apathisch vegetiert er am Boden vor sich hin, der Blick ist leer, eine Dreckkruste hat sich ueber seinen ausgemergelten Koerper gelegt. In wenigen Wochen wird er zur Schule gehen koennen und eventuel das Leben eines normalen afghanischen Jungen fuehren. Die meisten der hier anwesenden Kinder teilen ein aehnliches Schicksal.
Morgen werde ich Kinder von Frauen besuchen, die im Gefaengnis sitzen. Seit ihrer Geburt kennen sie nur das Leben in den Gefaengnismauern. Eine Initiative der Hilforganisation Warchild hat es geschafft, dass sie in einen Kindergarten ausserhalb der Gefaengnisse gehen duerfen. Ihre Muetter sitzen uebrigens meisten wegen Ehebruch oder dem Verstoss gegen isl;amische Sitten ein. Soll heissen, dass sie nicht das gemacht haben, was Maenner von ihnen erwartet haben. Die blosse Anklage reicht aus, dass Frauen fuer Jahre hinterGittern verschwinden…
Das grosse Abenteuer geht Mittwoch los. Ich habe vor, mit Bus oder Jeep nach Kabul zurueck zu fahren. Die Reise wird mehrere Tage dauern und geht ueber hohe Gebirgspaesse und durch das Stammesgebiet mehrerer Warlords. Die Sicherheitslage soll in Ordnung sein. In Kundus moechte ich einen Stop bei der Bundeswehr einlegen. Ich hoffe, dass ich dort meine Akkreditierung erhalte.
Ich fange gerade an, mich in das Land und seine Bewohner zu verlieben. Die Anspannung, die seit meiner Ankunft ueber mich Besitz ergriffen hat, laesst langsam nach. Diese Anspannung bewahrt mich aber davor, Leichtsinnig zu werden. Bisher bin ich, wie gesagt, ausnahmslos freundlich aufgenommen worden. Deutsche geniessen hier hohen Respekt und werden besonders freundschaftlich aufgenommen. Es vergeht kein Tag, an dem ich nicht von wildfremden Menschen auf der Strasse angesprochen und zu einem Glas Tee eingeladen werde. Uups, Stromausfall. Ich wuerde noch gerne mehr berichten aber das muss wohl warten.

Mein ehemaliger Mitbewohner Carsten Stormer schreibt seine Abschlussarbeit im Journalistikstudiengang in Afghanistan und schickt von Zeit zu Zeit Berichte und Photos. Dies ist einer seiner Berichte.

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