Currywurst am Hindukusch

Thursday, July 1st, 2004 | Uncategorized

KUNDUS: Eine dicke Staubschicht liegt über der Stadt. Das Thermometer zeigt 39 Grad, für hiesige Verhältnisse eine angenehme, frühsommerliche Temperatur. Auf pompongeschmückten und glockenbehangenen Pferdedroschken sitzen alte Männer mit langen, weißen Bärten und mit Burquas verhüllte Frauen.. Kleine Jungen reiten auf Eseln über die ungeteerten Strassen. In der Luft liegt der Duft von gebratenem Fleisch. In Kunduz, im Nordosten Afghanistans, scheint die Zeit seit Jahrhunderten stillzustehen. Nur knatternde Motor-Rikschas, rumpelnde Lastwagen und Geländewagen der UNO und anderen Hilfsorganisationen stören die Idylle und rufen die momentane Situation zurück ins Gedächtnis.

Neben einer blauen Wellblechtür, in einer kleinen Seitenstrasse, hängt ein Schild mit der Aufschrift: International Restaurant and Guesthouse ‚Lapis Lazuli’. Die deutsche und afghanische Fahne sind darauf zu erkennen. Hinter der Tür steht ein junger Mann mit breitem Grinsen und Braunschweiger Akzent. „Na, heute Lust auf Currywurst und Pommes?“ Der Kontrast könnte größer kaum sein. Im Innenhof sind blaue Biertische aufgebaut. Im Garten dösen einige Enten vor sich hin. Auf weiß gedeckten Tischen liegen gestärkte Stoffservietten. Kerzen und Tischsets für Essig, Öl, Pfeffer und Salz machen das deutsche Ambiente perfekt. Auf der Speisekarte stehen, neben Currywurst, auch Schnitzel, Gulasch mit Nudeln oder Salate.
Der junge Mann mit dem breiten Grinsen heißt Boris Wojahn (26). Am 1. Januar 2004 hat er zusammen mit seiner Lebensgefährtin, Petra Vopel (27), das Lapis Lazuli eröffnet.
Wojahn hat fünf Einsätze als Berufsoldat im Kosovo hinter sich. Die Idee, nach Afghanistan zu gehen, um dort zu arbeiten, bekam der gelernte Koch Anfang 2002 bei „Biertischlaune“ im Kosovo. Ein Kamerad wollte in Kabul ein deutsches Restaurant eröffnen und bot ihm an mitzugehen. Wojahn, der sich inzwischen im Ausland wohler fühlt als in Deutschland, sagte kurzer Hand zu. „Ich musste nur in meinem Schulatlas nachsehen, wo Afghanistan eigentlich liegt“, meint er und sein Grinsen wird noch breiter. Sieben Monate half er als Koch mit, den ‚Deutschen Hof’ aufzubauen. Als dann deutsche Soldaten in Kundus stationiert wurden, war es Zeit was Eigenes zu machen. „Was in Kabul klappt, kann in Kundus auch klappen. Außerdem wollte ich schon immer mein eigenes Restaurant“, sagt der Chef.
Gesagt getan. Seine Freundin Petra war sofort Feuer und Flamme. In Kundus suchten sie sich ein geeignetes Haus, in Deutschland die passende Einrichtung. 12.000 Euro investierte das Paar, das sich bei einem Motorradunfall kennen- und lieben gelernt hat. Die gebrauchte Küche, Geschirr, Gläser, Tischdecken etc. kamen per Luftpost nach Afghanistan. Der Rest des Geldes wurde für die Renovierung des Hauses und der fünf Gästezimmer verwendet. Gearbeitet wurde mit afghanischen Firmen. „Deutsche Standards sind hier nicht zu erfüllen. Hauptsache sauber. Dafür gibt es hier keinen lästigen Papierkram für Genehmigungen.“ Nach knapp zwei Monaten war die gröbste Arbeit beendet. Aber es muss noch viel getan werden. Planung und Realität liegen in Afghanistan weit auseinander. Doch bei der Auswahl der Nahrungsmittel legt er Wert auf beste Qualität. Die Currywurst kommt aus Deutschland, das Schnitzel vom lokalen Basar und macht noch „Muh“, wenn er es aussucht.
Ziel ist es, Bundeswehrsoldaten und Mitarbeiter der vielen Hilfsorganisationen als Klientel zu gewinnen. Nicht sonderlich schwer, da das Lapis Lazuli das einzige Restaurant, weit und breit, mit internationaler Küche ist. Abends trifft sich hier die Welt – Afrikaner, Asiaten, Europäer, – aber auch der örtliche Polizeichef und der Gouverneur waren schon hier – , um den Tag ausklingen zu lassen. Nicht nur wegen des guten Essens, sondern auch wegen dem Alkohol, der sonst in der Stadt nicht zu finden ist. Neben gut gekühltem Bier, das Wojahn aus einem Supermarkt in Kabul bezieht, gibt es auch australische Rot- und Weißweine. „Hier sind schon wilde Partys gefeiert worden. Nur an Afghanen schenke ich keinen Alkohol aus. Das würde gegen ihre Religion und Kultur verstoßen. Ich bin Gast hier und muss ich mich an die Sitten und Gebräuche halten.“
Inzwischen ist Wojahn so was wie der Kummerkasten und Ansprechpartner für die vielen Mitarbeiter von UN, Welthungerhilfe oder den deutschen Soldaten geworden. „Anschluss“, sagt er, wollen die Leute. „Vorher gab es hier nichts. Die Leute saßen allein in ihren Zimmern haben sich eine DVD reingezogen und gelangweilt.“
Natürlich geht es auch darum Geld zu verdienen, aber das Pärchen will auch etwas für Afghanistan tun. Wojahn schafft Arbeitsplätze, indem er 15 Afghanen in seinem Betreib ausbildet und einige nach der Ausbildung übernimmt. „Reich werden wir hier sowieso nicht, aber wir können gut davon leben und sind unseres eigenen Glückes Schmied. Wenn es nicht mehr läuft fahren wir zurück nach Deutschland – oder woanders hin“, fügt er nach kurzer Pause hinzu.
Über sie Sicherheitssituation macht sich der sechsundzwanzigjährige keine Gedanken: „Ich hätte Petra nicht nachgeholt, wenn ich der Meinung wäre, dass es hier gefährlich ist. Sicherheit geht vor Geschäft.“ Trotzdem hat ihm die örtliche Polizei einen bewaffneten Wächter vor die Tür gestellt. In letzter Zeit gab es das erste Mal terroristische Anschläge auf Ausländer in Kundus. Die haben auch Wojahn kurz ins Grübeln gebracht: „Warum ich den Namen Lapis Lazuli gewählt habe, weiß ich auch nicht. Vielleicht benenne ich den Laden eines Tages um.“ Krisen-Herd wäre ein passender Name.

Mein ehemaliger Mitbewohner Carsten Stormer schreibt seine Abschlussarbeit im Journalistikstudiengang in Afghanistan und schickt von Zeit zu Zeit Berichte und Photos. Dies ist einer seiner Berichte.

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