Eine Träne im Ozean

Thursday, July 1st, 2004 | Uncategorized

Herat, Afghanistan: Langsam, ganz langsam arbeitet sich Jamaladeem, der Teamleader des EOD (Explosive Ordanance Disposal) Teams von Handicap International Belgien, mit dem langen Bajonetmesser durch den trockenen, steinharten Lehmboden. Nach und nach holt der dreiundvierzigjährige, ehemalige Mudschaheddin Kämpfer acht Stück12.5 mm Flagmunition ans Tageslicht. Die Zünder sind noch immer intakt. Im Hintergrund kriecht einer seiner Mitarbeiter durch die geöffnete Luke eines alten russischen T-72 Panzers. Ein Ruf ertönt und Jamaladeem unterbricht seine Arbeit. Im inneren des Panzers befinden sich 29 RPG-2 und eine RPG-7 Granate. Die tödliche Munition rostet, seit dem unrühmlichen Abzug der Sowjet-Armee vor fünfzehn Jahren, in der afghanischen Wüste vor sich hin. Zwei bärtige Mudschaheddin Krieger, die Kalaschnikows im Anschlag, stehen bereit, das Räumkommando, im Falle eines Überfalls, zu verteidigen. Die Sicherheitslage ist durch die Nähe zur iranischen Grenze mehr als vage. Die geborgene Munition wird auf der Ladefläche eines Pick-Ups verstaut. Einige Quadratmeter afghanischen Bodens sind von der tödlichen Gefahr befreit worden. „Es ist wie eine Träne im Ozean“, sagt Jamaladeem, denn Millionen von Blindgängern und Anti-Tank (AT) – oder Anti-Personenminen (AP) warten noch immer auf ihre Entdeckung. Es wird Jahrzehnte dauern, bis das Land am Hindukusch von der Hinterlassenschaft jahrzehntelanger Kriege befreit ist.

Afghanistan ist nach wie vor von Landminen und Blindgängern, so genannten UXO’s (unexploded ordanances) übersäht. Neunzig Prozent von ihnen liegen konzentriert in landwirtschaftlichen Gebieten, Bewässerungssystemen, Wohngebieten, Straßen und Weideland. Kurz: In den Gebieten, in denen sich Menschen hauptsächlich aufhalten.
„Es ist eine Tragödie für die Menschen“, sagt Jan Bonzon, Leiter des Internationalen Komitees des Roten Kreuzes (ICRC) in der Provinzhauptstadt Herat. „Tausende wurden bisher getötet oder verwundet. Die Überlebenden verlieren aufgrund von Behinderung oder Verstümmelung oftmals ihre Lebensgrundlage und werden permanent von anderen abhängig. Sie sind zu einem Leben in Armut und Elend verdammt.“
Das Erbe des Krieges wirkt sich desaströs auf soziale Strukturen und die gesamte Wirtschaft des Landes aus, da weite Teile, von den produktiven und fruchtbaren Gegenden nicht zugänglich sind. In manchen Gebieten kommt die Wirtschaft völlig zum Stillstand. Wie unberechenbar die Situation ist zeigt sich an folgenden Beispielen: Im April starb ein Kind beim Spielen durch die Explosion eines Blindgängers und ein Soldat des Warlords Ismael Khan trat beim verlassen seines Hauses auf eine Landmine.
Allein, im Jahr 2003 verzeichnete das ICRC 829 Unfälle durch Minen und UXO’s. Trotz der hohen Zahl ein Abfall von 42 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Da waren es noch 1.428 Tote und Verletzte. Über neunzig Prozent der Opfer sind Zivilisten. Dieser hohe Anteil lässt sich durch die Tatsache erklären, dass in den letzten beiden Jahren Kriegshandlungen und militärische Aktionen deutlich abgenommen haben. Aber auch der unerwartet hohe Strom von ehemaligen Flüchtlingen, die aus den Grenzregionen der zentralasiatischen Staaten in ihre Heimat zurückkehren, lässt die Opferzahlen der Zivilbevölkerung weiter ansteigen. „Die große Zahl der Flüchtlinge aber auch die Abhängigkeit eines Großteils der afghanischen Bevölkerung von landwirtschaftlichen Flächen und Weideland, lässt die Opferzahlen alarmierend in die Höhe schnellen“, sagt der Schweizer Bonzon.
Die Realität zeigt, dass die ärmsten Mitglieder der afghanischen Gesellschaft im ständigen Kontakt zu verseuchten Gegenden stehen. Sei es beim Weiden der Schafe, beim Bestellen der Felder oder auf dem Schulweg – Unfälle mit tödlichem Ausgang oder Verwundeten sind die logische Konsequenz.
Ein weiteres, noch größeres Problem ist das geringe Bildungsniveau und die daraus resultierende hohe Analphabetenrate, der geringe Lebensstandard und das risikoreiche Verhalten vieler Afghanen. Oftmals wird mit den hochexplosiven Materialien in einer unverantwortlichen Art und Weise umgegangen, die an Todessehnsucht grenzt. Bauern und Hirten verlegen Blindgänger und Minen, ohne die geringsten Kenntnisse über die adäquate Handhabung der Artilleriegeschosse oder Landminen zu haben. Schlimmer noch: Um ihre Familien ernähren zu können, sind viele Afghanen gezwungen, Sprengstoff aus Minen und Blindgängern zu verkaufen. In den großen Städten wie Kabul, Herat und Kandahar hat sich hieraus ein florierendes Geschäft entwickelt. Unfälle sind nicht zu vermeiden. Besonders tragische ereigneten sich in den Städten Bagram, Ghulam Ali und in Charikar. Beim Aufsaegen der Artilleriehüllen und durch unprofessionelles Hantieren mit dem Sprengstoff kam es zur Katastrophe. In einer Kettenreaktion explodierten die in den Häusern gelagerten Bomben, Raketen, Moerser und Minen. 22 Menschen kamen ums Leben, neun wurden schwer verletzt. Aufklärungsprogramme sollen den Menschen nun die Gefahren aufzeigen, die in der kargen afghanischen Landschaft und auf den ehemaligen Schlachtfeldern auf sie lauern. Mehr als neunzig Prozent der zivilen Opfer waren nicht aufgeklärt über die Gefahr, in der sie sich befanden. „Das wichtigste ist, dass die Menschen nicht versuchen, den Sprengstoff zu entnehmen oder die Sprengsätze selbst zu entschärfen“, sagt Sebastian Fouquet, Leiter von Handicap International Belgien in der Hauptstadt Kabul. Wie notwendig dies ist, zeigt sich bei einem Aufklärungsprogramm in einer Grundschule nahe Herat. Auf die Frage, in welche Hand sie die Verantwortung über die gefundenen Minen oder Bomben geben würden, antwortete eines der Kinder: „In die rechte Hand!“
Nach Schätzungen von Experten, wie dem Briten Zach Johnson, Leiter des EOD Teams von Handicap International in Herat, wird es noch mindestens sieben bis zehn Jahre dauern, bis die Gebiete, mit der höchsten Prioritätsstufe, von Sprengsätzen befreit sind. „Wir gehen bei der Schätzung davon aus, dass jährlich 12 bis 14 Quadratkilometer neuer Minenfelder entdeckt werden. Bis ganz Afghanistan frei von Minen und Blindgängern ist, wird es noch Jahrzehnte dauern“, meint der ehemalige Offizier der britischen Marine. Im gleichen Augenblick lässt ein ohrenbetäubender Knall die Fenster seines Büros erzittern. Sechs Tonnen Kriegsmaterial wurden gerade zur Explosion gebracht – das Ergebnis weniger Tage Arbeit. Die Einsatzkommandos kommerzieller, nicht-kommerzieller oder Sprengkommandos der afghanischen Armee suchen entweder jedes Dorf ab oder gehen den Meldungen von Dorfbewohnern nach, die einen Blindgänger in ihrem Vorgarten oder eine Mine in ihrem Feld finden.
In dem kleinen Dorf Thirpul, nahe der iranischen Grenze, erzählen die Mudschaheddin dem EOD-Teamleader Jamaladeem von weiteren Funden. Auch Jamaladeem, der Mann mit dem schwarzen Bart und den weichen Augen, kämpfte jahrelang auf Seiten der Krieger Allahs und ist vom Krieg gezeichnet. Bei einer Minenexplosion verlor er seinen rechten Zeigefinger. Eine lange Narbe am Hals stammt von der Kugel eines kommunistischen Soldaten, der heute in einem anderen Sprengkommando Dienst tut. Durch seine Verwundungen erntet er Respekt bei der ländlichen Bevölkerung und den Mudschaheddin.
Die Mauern des Dorfes aus gelbem Lehm sind sauber verputzt. Vereinzelt sind die Ruinen zerschossener Häuser zu sehen. Der Kommandeur der Mudschaheddin führt Jamaladeen und sein Team zu einem verfallenen Haus. In den Belüftungsschächten haben die flüchtenden Taliban Moersergranaten versteckt. Die Waffen aus den engen Schächten zu bergen ist lebensgefährlich. Wenn die Zünder intakt sind, können sie jederzeit hochgehen. Diese und Weitere vier Granaten zieht der Trupp aus den Schächten – russischer, iranischer und chinesischer Herkunft. Die Liste der Länder, die Afghanistan mit Waffen versorgt haben ist lang.
Im Schatten einer jahrhundertealten Steinbrücke, wird die tödliche Fracht fein säuberlich in einem Erdloch aufgeschichtet und mit Plastiksprengstoff versehen. Die Explosion reißt ein metertiefes Loch in den Boden. Metallsplitter, Steine und Erdreich fliegen durch die Luft. Afghanistan muss noch viel weinen, bis die Menschen ein Leben ohne Bedrohungen führen können.

Mein ehemaliger Mitbewohner Carsten Stormer schreibt seine Abschlussarbeit im Journalistikstudiengang in Afghanistan und schickt von Zeit zu Zeit Berichte und Photos. Dies ist einer seiner Berichte.

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