Letzte Hoffnung Marastun

Thursday, July 1st, 2004 | Uncategorized

Herat, Afghanistan: Die Augen des Jungen sind leer. Ein Lächeln umspielt seinen Mund. Das Lächeln ist immer da. Unbeholfen steht er am Webstuhl, wickelt die Wolle für die anderen Kinder auf, die die berühmten afghanischen Teppiche mit den filigranen Mustern weben. Mehr kann der Junge nicht – lächeln und Wolle halten. Das ist sein Leben und so wird es bleiben. Der Junge heißt Murat, er ist elf Jahre alt. Bis vor wenigen Monaten lebte Murat noch von den Almosen, die ihm auf dem Basar von Herat zugeworfen wurden. Eines Tages fand man ihn vor der Tür des örtlichen Marastuns. Hier fand er Menschen, die sich um ihn kümmern, hier hat er ein neues zu Hause gefunden.

In der Sprache der Paschtunen bedeutet ‚Marastun’ Platz der Unterstützung. Marastuns haben eine lange Tradition in Afghanistan. 1930 wurden sie von der afghanischen Regierung als öffentliche Institution gegründet, um den Ärmsten der Armen für eine gewisse Zeit Unterkunft, Nahrung und Bildung zukommen zu lassen.
Hunderte von Männern und Frauen, Witwen und Weisen, Behinderten und Traumatisierten haben im Laufe der Jahre die Pforten der Marastuns passiert. Fünf an der Zahl gibt in dem von Krieg und Krisen geschüttelten Land am Hindukusch – in Kabul, Mazar-i-Sharif, Jalalabad, Kandahar und Herat. Alle verbindet eine gemeinsame Regel: Jedes Kind, das aufgenommen wird, erhält eine Schulausbildung, jedem Erwachsenen wird ein traditionelles Handwerk beigebracht – Schneidern, Schmiedehandwerk, Nähen oder Teppichweben. Das gemeinsame Ziel: Jeder Marastunbewohner soll, nach ()dem Verlassen des Heimes, auf eigenen Füßen stehen. Doch das wahrscheinlich größte Geschenk, das die Marastuns ihren Bewohnern geben, ist, dass sie hier Menschen finden, denen ihr Schicksal nicht gleichgültig ist. Dass sie hier eine Oase gefunden haben, die ihnen ihre Würde und ihren Frieden zurückgibt.
Unter der afghanischen Monarchie erhielten die Marastuns nicht nur Unterstützung von der Regierung sondern auch von Banken, Firmen und privaten Spendern. 1964 übernahm der Afghanische Rote Halbmond (ARCS) die Verantwortung über die Institution.
Doch als das Land in den achtziger Jahren vom Krieg zerstört wurde, wurde auch die Zukunft der Marastuns und ihrer Bewohner zerstört. Das Internationale Komitee des Roten Kreuzes (ICRC) musste 1994 intervenieren, um die Bewohner des Kabuler Marastuns zu retten. Das Heim lag direkt an der Front und kam unter ständigen Beschuss. Bis heute unterstützt das ICRC alle fünf Marastuns mit Spendengeldern, Pflegern und Nahrung. Seit zwei Jahren unterstützt das Deutsche Rote Kreuz (DRK) die 140 ARCS Mitarbeiter und übernimmt alle Kosten. Ende des Jahres geht das Hilfsprogramm zu Ende.
Ein Spaziergang durch das Herater Marastun macht die sozialen Missstände, die in Afghanistan herrschen, sichtbar. Im Schatten der Bäume sitzen die Blinden und Krüppel, die Witwen und Weisen – die Ausgestoßenen der Gesellschaft.
So wie der elfjährige Abdullah. Sein Körper ist mit eiternden Wunden übersäht, der Körper ist verkrüppelt. Zu der körperlichen Behinderung kommt noch die geistige. Ein Moskitonetz schützt ihn vor Fliegenschwärmen, die sonst in jede Öffnung seines Körpers eindringen würden. Abdullah ist zu schwach, um sie zu verscheuchen. Abdullah wurde, am Straßenrand liegend, von Soldaten aufgegriffen und im Marastun abgeliefert. Neben dem Jungen, auf einer verfilzten Decke, liegt die vierzigjährige Saleah. Mit Gewalt musste Saleah ins Marastun gebracht werden. Vorher lebte sie unter einer Plastikplane an einer Straßenkreuzung. Auch sie ist körperlich und geistig behindert. Auch Sie hat niemanden, der sich um sie kümmert. Abdullah und Saleah wurden von ihren Familien verstoßen – sie waren zu arm, um sich um ihre bedürftigen Familienmitglieder kümmern zu können. Manchmal werden behinderte Menschen auch aus der Familie verstoßen, weil sich diese vor Nachbarn und Freunden für sie schämen. Ein Leben in unvorstellbarer Armut, abhängig vom Mitleid anderer, erwartet die Verstoßenen.
Hawa, im gleichen Alter wie Saleah, betreut die beiden – jeden Tag. Hawa ist Witwe, ihr Mann ist im Krieg gegen die Taliban gefallen. Mit ihren sechs Kindern und einer weiteren Frau lebt sie in einem Zelt vor den Toren Herats. 2.500 Afghani pro Monat, etwa 50 Euro, erhält sie für ihre Arbeit.
„Es ist nicht viel Geld, aber mit dem Geld ist neun Menschen geholfen. Die schönste Belohnung ist aber, dass Abdullah inzwischen wieder lachen kann“, erklärt Sabina Slottke, Verantwortliche des Marastuns Programms beim Deutschen Roten Kreuz.
Es ist schwierig für alle eine Lösung zu finden, besonders für die geistig Behinderten. Das weiß auch Sabina Slottke: „Die verwundbarsten und diejenigen, denen am schwersten zu helfen ist, sind die Traumatisierten.“ Von ihnen gibt es zu viele in Afghanistan. Der Krieg geht in ihren Köpfen weiter und es fehlt an Geld, um sich um ihre Bedürfnisse zu kümmern. Psychologische Unterstützung gibt es nur in den seltensten Fällen. Ausgebildete Psychiater sind Mangelware am Hindukusch – der Krieg hat eine Armee von Analphabeten hinterlassen. Abdullah und Saleah werden wohl den Rest ihres Lebens im Marastun bleiben.
Doch es gibt auch Hoffnung. Mit Begeisterung gehen die anderen Kinder zur Schule und zu den Workshops. Sie wissen, dass ihnen hier eine bessere Zukunft eröffnet wird. Das Leid, das sie ertragen mussten reicht für viele Menschenleben aus.
Der größte Wunsch von Said Ahmad (15) ist es, einmal Präsident von Afghanistan zu werden. „Um dem afghanischen Volk zu dienen“, wie er sagt. „Keiner sollte arm sein. Ich möchte den Armen helfen, bis sie reich sind.“
Bis dahin ist noch ein langer Weg. Tausende Menschen werden weiterhin täglich durch die Straßen und Basare Afghanistans ziehen, den Müll nach etwas essbarem durchwühlen und sich ein paar Afghani erbetteln. Für viele von ihnen sind die Marastuns die letzte Hoffnung auf ein Leben in Würde und Unabhängigkeit.

Mein ehemaliger Mitbewohner Carsten Stormer schreibt seine Abschlussarbeit im Journalistikstudiengang in Afghanistan und schickt von Zeit zu Zeit Berichte und Photos. Dies ist einer seiner Berichte.

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