Irgendwo in den Bergen der Provinz Uruzgun

Friday, July 2nd, 2004 | Allgemein

Seltsamerweise, ist die Aufregung, die ich in den letzten Tagen verspürte verschwunden. Ich habe tief und fest geschlafen.
Um acht Uhr morgens erwartet uns ein Chinook- Helikopter, um uns ins Kampfgebiet, irgendwo in den Bergen der Provinz Uruzgun zu fliegen. Der Hubschrauber fliegt Wasser und Nahrungsmittel für die Truppen, die in den Bergen Taliban jagen. Während mir die Tage zuvor als ziemlich unreal vorkamen, wird mir jetzt bewusst, dass es nun kein zurück mehr gibt. In den nächsten Tagen werde ich herausfinden, ob ich für solche Missionen geeignet bin und ob dies der Beruf ist, den ich ausüben möchte.
Tony spricht mit dem Piloten. Nach einigen Minuten kommt er zurück. „Wenn du willst kannst du auf der offenen Ladefläche mitfliegen“, sagt er. Natürlich will ich.

Der Helikopter hebt ab. Meine Füße hängen in der Luft, unter mir die afghanische Wüste. Neben mir sitzt der Bordschütze an einem M-60 Maschinengewehr. Nach einigen Minuten erreichen wir die Berge. Fliegen durch enge Felsschluchten, über kleine, aus Lehm gebaute Dörfer, Oasen. Manchmal fliegen wir so knapp über die Bergspitzen, dass meine Füße den Boden zu berühren scheinen. Erst jetzt sehe ich die Apache Kampfhubschrauber, die neben uns als Bewachung mitfliegen. Immer wieder werden Versorgungshubschrauber von Talibanstellungen in den Bergen angegriffen. Plötzlich fängt der Bordschütze an zu schießen. Ich falle beinahe von der Ladefläche. Dann steht er auf, drückt mir das Geschütz in die Hand und deutet an, dass ich weiter schießen soll. Na toll, eigentlich wollte ich nur Bilder mit meiner Kamera schießen.

Wenige Minuten später landen wir in dem provisorischen Camp, in dem wir die nächsten acht Tage verbringen werden. Der Chinook wirbelt eine riesige Staubwolke auf. Soldaten mit Skibrillen, die gegen den Staub und Sand schützen, erscheinen und entladen die Helikopter. Dann fliegt er wieder zurück nach Kandahar.
Ich blicke mich um. Wir befinden uns auf der Spitze eines Berges, umgeben von höheren Bergen. Ich sehe Soldaten mit Maschinengewehren in Schützengräben liegen, In einem Radius von etwa 500 Metern sind gepanzerte Humvees, ebenfalls mit Maschinengewehren positioniert, zwei Artillerie Haubitzen sind auf die gegenüberliegenden Berghänge gerichtet. In der Mitte des Platzes befindet sich die Kommandostation, sie ist mit einem Tarnnetz überzogen.

Tony und ich sind bei einem Batallion der 2-5 Infanterie Division aus Hawaii gelandet. Der Kommandeur des Batallions, Colonel Sellers hat natürlich keine Ahnung, dass wir kommen würden. Tony zeigt ihm seine Befehle und der Colonel heißt uns Willkommen. „Sucht euch irgendwo einen Schlafplatz und haltet den Kopf unten wenn’s knallt“, sagt er.
Unter einer Zeltplane, die vor der sengenden Sonne und Sandstürmen schützt, breite ich meine Decke auf dem nackten Boden aus.
Unter der Plane dösen vier Soldaten im Staub. Es sind Grenadiere, die die Haubitzen bedienen. Sie stellen sich als Sergeant Jose Zambrano, Sergeant Edison Vargas, Spezialist Shawn Gibbs und Spezialist John Cameron vor. Es gibt keinen Strom und kein fließendes Wasser. Die Verpflegung besteht aus warmen Wasser und MRE (Meals Ready to Eat) – Fertigessen.

Wenige Minuten später taucht ein Luitenant unter der Plane auf. „Lust bei einer Mission dabei zu sein?“, fragt er. Blöde Frage, deswegen bin ich hier.
Wir springen auf einen der Humvees auf. Es geht in ein nahe gelegenes Dorf. Die Dorfbewohner sollen medizinisch untersucht und versorgt werden. Die medizinische Versorgungslage in Uruzgun, einer der ärmsten Provinzen Afghanistans, ist katastrophal. Malaria und TB grassieren, jeder dritte Zeckenstich endet tödlich.
Das Dorf ist nur wenige hundert Meter vom Camp entfernt. Die Ärzte Sgt. Ralph Mendez, Officer Eric Stanton, und Sgt. David Gilly überprüfen, ob sie alle nötigen Medikamente dabei haben. Ein Platoon verteilt sich um das Dorf. Die Soldaten könnten jederzeit angegriffen werden. Ein weiter Platoon begleitet die Ärzte.
Neugierige Kinder kommen langsam aus den aus Lehm gebauten Häusern. Sie sind schmutzig, die Kleidung zerschlissen. Die Mangelernährung ist ihnen deutlich anzuerkennen – die Bäuche sind aufgebläht, die Gesichter eingefallen.
‚Doc’ Mendez verteilt Bonbons an die Kinder. Er will Vertrauen aufbauen. Schüchtern greifen die Kinder nach den Süßigkeiten. „Erst letzte Woche haben wir ein malariakrankes Mädchen ausfliegen müssen. Es wäre sonst gestorben“, sagt Mendez stolz.
Während sich die Ärzte um die Dorfbewohner kümmern, Verbände anlegen und Wunden auswaschen, Vitamine und Proteine, gegen die Mangelernährung, verteilen, sucht der Platoonführer Sgt. Gonzales die Dorfältesten auf, höflich aber bestimmt redet er auf sie ein. Ein Dolmetscher übersetzt sein Anliegen. Die Häuser und Ställe des Dorfes müssen nach Waffen durchsucht werden. Die Ältesten willigen ein. Nach zwanzig Minuten ist die Aktion abgeschlossen. Nun kann sich Gonzales um das kümmern, weshalb er hier ist: Die Bedürfnisse des Dorfes herausfinden. Zwei Stunden wird unter einem Aprikosenbaum diskutiert. „Wir suchen jedes Dorf in der Umgebung auf“, sagt er. „Sie wollen neue Schulen, Moscheen, Medizin, Wasser und Sicherheit. Wir versuchen ihnen das zu geben. Wir wollen zeigen, dass wir hier sind, um Afghanistan zu helfen. Die Leute sollen Vertrauen zu uns bekommen.“
Schwerbewaffnete Soldaten als Botschafter des guten Willens? „Es ist schwierig aber es funktioniert“, sagt Gonzales. Die Freude an dieser Arbeit ist den Soldaten deutlich anzumerken. „Kindern helfen und ein Land aufzubauen ist viel besser, als ständig auf Menschen schießen zu müssen“, sagt einer der Soldaten. Ich bin überrascht, ich habe etwas anderes erwartet – laute, amerikanische Gis, die Türen eintreten und sich nicht um Kultur der Einheimischen kümmern.

Im Lager zurück fragt uns Colonel Sellers, ob wir an einer nächtlichen Aktion teilnehmen wollen. Um Mitternacht soll es losgehen. Ich versuche noch ein paar Stunden Schlaf auf dem harten Boden zu finden. Tagsüber ist die Hitze fast unerträglich. Das Thermometer klettert auf weit über 40 Grad. Nachts ist es ungemütlich kalt.

22 Uhr. Es ist Vollmond. Ich bereite mich auf den Einsatz vor. Die Kamera lasse ich zurück. Es ist dunkel und wir sollen vor Sonnenaufgang wieder zurück sein. Noch ein MRE zur Stärkung und genügend Wasser einpacken. An Schlaf war nicht zu denken. Stundenlang unterhielt ich mich mit Jose Zambrano und Edison Vargas über ihre Heimatländer Ecuador und Kolumbien. Die Herzlichkeit, mit der ich von den Soldaten aufgenommen wurde berührt mich.

Mein ehemaliger Mitbewohner Carsten Stormer schreibt seine Abschlussarbeit im Journalistikstudiengang in Afghanistan und schickt von Zeit zu Zeit Berichte und Photos. Dies ist einer seiner Berichte.

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