Angriff & Gegenangriff

Saturday, July 3rd, 2004 | Uncategorized

Mitternacht. Der Konvoi aus mehreren Humvees und Lastwagen ist im hellen Mondschein deutlich zu erkennen. Tony sieht mich an. „Optimale Bedingungen, um in einen Hinterhalt zu geraten“, meint er nachdenklich. Danke Tony, das ist genau das was ich gerade gebraucht habe. Komischerweise verspüre ich keine Angst, Müdigkeit überwältigt mich.
Der Konvoi setzt sich in Bewegung, kommt nur langsam voran, bleibt immer wieder in ausgetrockneten Flussbetten oder steilen Berghängen stecken. Die Anspannung ist den Soldaten anzumerken, greift auf mich über. Mit Nachtsichtgeräten suchen sie die Berghänge nach Talibanstellungen ab. Ihre Waffen sind entsichert und schussbereit.

Nach fünf Stunden erreichen wir das Ziel. In einiger Entfernung sind im Mondschein die Umrisse mehrerer Gebäude zu erkennen. Hier sollen sich mutmaßliche Taliban versteckt halten. Die Soldaten springen von den Fahrzeugen. Luitenant Gonzales gibt Befehle. Langsam pirschen sie sich an die Häuser heran. Plötzlich fallen Warnschüsse. Eine Leuchtgranate wird abgefeuert, tauch die Nacht in orangefarbenes Licht. Eine flüchtende Person ist zu erkennen. Schnell wird sie von amerikanischen und afghanischen Soldaten überwältigt.

Mit drei Gefangenen, die Hände auf den Rücken gefesselt, kehren die Soldaten zu den Fahrzeugen zurück. Die Soldaten machen ihrer Anspannung Luft, indem sie die Gefangenen beschimpfen. Sgt. Mendez, der Arzt, weist die Soldaten zurecht. Persons under Control (PUC) heißen die Gefangenen in der Sprache der Armee. Mit Gewalt wird versucht, die PUCs auf einen Lastwagen zu verfrachten. Mendez geht auf die Knie und lässt die Gefangenen auf seinen Rücken steigen, um leichter auf die Ladefläche zu steigen. Nicht alle Soldaten sind mit seiner Handlung einverstanden. „Der Scheiß Taliban verdient diese Behandlung nicht, Doc“, ruft einer. Mendez lässt sich nicht beirren.

Gespräche zwischen den Häftlingen sind verboten. Ein Jutesack wird den PUCs über den Kopf gestülpt. Das ‚bagging’ dient dazu, dass die Gefangenen nicht flüchten können und zur Einschüchterung, um sie bei der späteren Befragung leichter zum Reden zu bringen. Weitere Häuser werden durchsucht. Dorf für Dorf, bis in den späten Nachmittag.

Währenddessen spielen sich vor dem Konvoi herzzerreißende Szenen ab. Mütter und Ehefrauen, Schwestern und Töchter der PUC’s werfen sich in den Staub. Weinend. Flehen, dass man ihnen ihre Männer zurückgibt. Sie wissen nicht, was mit ihren Angehörigen geschehen wird, ob sie sie jemals wieder sehen werden. Dolmetscher versuchen die die Frauen zu beruhigen – vergeblich.

Bis in den späten Nachmittag werden weitere Dörfer durchsucht. Ich kann es nicht fassen, dass ich meine Kamera im Camp gelassen. Tony und ich sind so erschöpft, dass wir in der brütenden Hitze in einem Straßengraben einschlafen. Wir sind mit einer dicken Staubschicht überzogen. Schweiß läuft mir von meinem Helm in die Augen, die 16 Kilo schwere Weste drückt auf meine Brust.

Um 16 Uhr ist die Aktion beendet. Es wurden keine weiteren Gefangenen gemacht. Aus Sicherheitsgründen soll der Konvoi über eine andere Route zurück ins Camp fahren. Über Eselspfade geht es über hohe Berge, vorbei an tiefen Abgründen. Auf einem Bergkamm bricht die Achse eines Lastwagens. Ein Weiterkommen ist unmöglich und die Reparatur kann Stunden dauern. Der Platoonführer entscheidet sich, den Konvoi zu teilen und umzukehren. Tony und ich befinden uns in dem Teil des Konvois, der zuerst ins Camp zurückfährt.

Kurz bevor wir im Camp eintreffen hören wir über Funk, das der andere Konvoi angegriffen wird. „We have contact. Returning fire“, schallt es aus dem Funkgerät, begleitet von Maschinengewehrfeuer. Wie sich später herausstellt, haben vermutlich sechs bis zehn Taliban die Soldaten angegriffen. Drei Taliban wurden dabei getötet. Bei den Amerikanern gab es keine Verluste. Zu groß ist die technische Überlegenheit der Amerikaner. Einer der Soldaten klopft mir auf die Schulter und sagt: „Schade, du hast die ganze Action verpasst.“ Ich bin mir nicht im Klaren, ob ich mich darüber freuen oder traurig sein soll. Alles was ich in dem Augenblick will, ist Schlaf.

Explosionen reißen mich drei Stunden später aus dem Schlaf. Ich werfe mich in meine Schutzkleidung und renne aus dem Zelt. Taliban greifen das Camp, von den umliegenden Bergen, mit Panzerfäusten und RPG Granaten an. Doch sie sind zu weit entfernt, um ernsthaft gefährlich zu werden. Jose und Edison springen an ihre Haubitzen. Warten auf die Koordinaten der feindlichen Stellungen und weitere Befehle. Dann kommt der Feuerbefehl. Leuchtgranaten werden abgefeuert, tauchen die Berghänge in gleißendes Licht. Soldaten, die in den umliegenden Bergen versteckt liegen, schießen auf die Feinde und vertreiben sie.

„Macht euch auf einen Angriff bereit“, ruft ein amerikanischer Captain uns zu. „Lass deine Schuhe an und hab Helm und Weste griffbereit“, ruft mir Shawn zu. Der Rest der Nacht verläuft ohne Zwischenfälle und ich kann endlich ausschlafen.

Mein ehemaliger Mitbewohner Carsten Stormer schreibt seine Abschlussarbeit im Journalistikstudiengang in Afghanistan und schickt von Zeit zu Zeit Berichte und Photos. Dies ist einer seiner Berichte.

No Comments to Angriff & Gegenangriff

[...] ampfhandlungen Freier Tag Dorfdurchsuchung & Artillerieangriff Unabhängigkeitstag Angriff & Gegenangriff Bagram Afghanisches Tagebuch [...]

Leave a comment

Kalender

July 2004
M T W T F S S
« Jun   Aug »
 1234
567891011
12131415161718
19202122232425
262728293031  

Kategorien

Search