Unabhängigskeitstag

Sunday, July 4th, 2004 | Uncategorized

Unabhängigkeitstag. Mir tun alle Knochen weh, das Schlafen auf dem harten Boden zeigt seine Wirkung.
Der gestrige Überfall der Taliban ist Gesprächsthema Nummer 1. Ich nütze den Vormittag, um Interviews mit den Soldaten zu führen.
Die am Vortag gefangen genommenen Personen werden wieder freigelassen. Der Verdacht hat sich nicht bestätigt. Als Entschädigung haben sie mehrere hundert Dollar erhalten.

Gerüchte besagen, dass sich der einäugige Talibanführer Mullah Omar in diesem Gebiet befindet. „Osama, Omar? Who cares?“, sagt der Kommandeur des Batallions, Colonel Terry Sellers. „Das sind mystische Figuren. In diesem Krieg geht um die Leute, die mit ihnen die gleiche Ideologie teilen.“ Trotzdem ist ein Kopfgeld von 50 Millionen Dollar auf bin-Laden ausgesetzt – tot oder lebendig. Sollte es US Truppen gelingen den Gesuchten zu töten, hätte die islamische Welt den größten Märtyrer ihrer Geschichte und Bush den größten Erfolg seiner politischen Karriere. Catch 22 nennen die Amerikaner solche Situationen.

Ein Problem der US-Truppen ist, dass die 20.000, in Afghanistan stationierten Soldaten nicht ausreichen, um dauerhafte Stützpunkte in den Bergen zu errichten. „Wahrscheinlich kehren die Taliban zurück, sobald wir weg sind und alles wird wie vorher“, sagt Colonel Sellers.

Nachmittags suchen die Ärzte noch mal drei Dörfer auf. Ein Vater mit einem Kleinkind kommt auf die Ärzte zu. Das Kind ist so unterernährt, dass eher einem Skelett gleicht. Es atmet schwer und unregelmäßig. Die Mutter kann das Kind nicht stillen. Sgt. Stanton kümmert sich um das Kind. Er setzt seine Sonnenbrille auf, Tränen laufen unter seiner Brille heraus. Ein geistig und körperlich behinderter Mann, lehnt an einer Mauer und beobachtet die Soldaten. Die Ärzte verteilen Salben, Schmerztabletten, Augentropfen und Süßigkeiten an die Kinder.

Angeblich soll es ein Feuerwerk geben, um den Unabhängigkeitstag zu feiern. Tony und ich wurden von Soldaten der Afghan National Army (ANA), die zusammen mit den US Truppen operiert, zum Essen eingeladen. Es gibt frisch geschlachtete Ziege. Abends gesellen wir uns zu ihnen, doch das Festmahl fällt aus, da die Dorfbewohner der ANA kein Fladenbrot verkaufen will – aus Angst vor der Rache der Taliban. Die Dorfbewohner wissen, dass die Soldaten irgendwann wieder abziehen und die Taliban aus den Bergen zurückkommen werden.

Wir bleiben trotzdem sitzen. Die Nacht ist längst hereingebrochen. Tony verschwindet in den Büschen, um ein paar MREs loszuwerden. Wir scherzen über die Unfähigkeit der Taliban, das Camp anzugreifen. Plötzlich ruft jemand: „Fire in the hole!“ Mist, was hat das schon wieder zu bedeuten? Sekunden später ereignet sich neben mir eine riesige Explosion. Die Druckwelle wirft mich von meinem Stuhl. Unter den afghanischen Soldaten bricht Hektik aus. Ich fange an zu rennen, werfe mich hinter einem der Lastwagen, mein Herz schlägt wild. Taliban im Camp, kann das sein? Dann höre ich Amerikaner hinter mir lachen. Es war das Feuerwerk zum Unabhängigkeitstag. Es hätte ebenso gut ein Angriff der Taliban sein können. Tony kommt den Berg hoch gelaufen, das Gewehr im Anschlag, die Hose hängt ihm auf Kniehöhe. Auch er hatte offensichtlich keine Ahnung. Sein Anblick bringt mich zum Lachen. TNT, Munition und Benzinkanister wurden in die Luft gesprengt. Es dauert eine Weile, bis das Adrenalin meinen Körper verlässt.

Mein ehemaliger Mitbewohner Carsten Stormer schreibt seine Abschlussarbeit im Journalistikstudiengang in Afghanistan und schickt von Zeit zu Zeit Berichte und Photos. Dies ist einer seiner Berichte.

No Comments to Unabhängigskeitstag

[...] dazugekommen: Grosse Kampfhandlungen Freier Tag Dorfdurchsuchung & Artillerieangriff Unabhängigkeitstag Angriff & Gegenangriff Bagram Afghanisches Tagebuch [...]

Leave a comment

Kalender

July 2004
M T W T F S S
« Jun   Aug »
 1234
567891011
12131415161718
19202122232425
262728293031  

Kategorien

Search