Dorfdurchsuchung & Artillerieangriff

Monday, July 5th, 2004 | Uncategorized

Es sollen wieder Dörfer nach Taliban und versteckten Waffenlagern durchsucht werden. Ein Konvoi mit zwei Platoons fährt in die Nähe der Dörfer. An einem ausgetrockneten Flussbett hält der Trupp an. In mehreren Gruppen laufen wir durch Maisfelder und über leicht ansteigende Hügel. Auf einem der Hügel, vor einem Dorf, befindet sich ein Loch. Ein afghanischer Soldat erhält den Befehl, hinein zu kriechen. Das Loch ist groß genug, um mehrere Männer zu verstecken. Es könnten sich auch Waffen darin befinden. Angst ist in dem Gesicht des Soldaten zu erkennen. Mit Kalaschnikow und Taschenlampe bewaffnet kriecht er hinein. Ein aufgescheuchtes Huhn flattert aus dem Loch, sonst wird nichts gefunden.

Langsam geht ein Platoon auf das Dorf zu. Der andere sichert die Umgebung. Ein amerikanischer Luitenant bittet die Bewohner der Häuser höflich ihre Häuser zu verlassen, um diese und die angrenzenden Ställe durchsuchen zu können. Kinder weinen, haben Angst vor den schwer bewaffneten Soldaten. Die Frauen haben sich in eine Ecke verkrochen, die Burqas verdecken ihre Gesichter. Es wird nichts gefunden. In einem Stall befindet sich ein riesiger Hund, der die Soldaten zu Tode erschreckt, weiter nichts. Das nächste Gebäude ist nicht weit entfernt, auch auf einem Hügel gelegen. Die Hitze macht mir zu schaffen. Ich merke, dass ich zu wenig Wasser dabei habe. Beim Anblick der näher kommenden Soldaten flüchtet ein bärtiger Mann. Amerikaner schneiden ihm den Weg ab und nehmen ihn fest. Ein Soldat der ANA bewacht ihn.

Es geht weiter zum nächsten Dorf. Bergauf und bergab. Ich habe meine letzte Wasserflasche getrunken. Meine Kleidung klebt mir am Körper und mein Mund ist ausgetrocknet. Ich wünschte, ich könnte mich meiner Schutzkleidung entledigen.

Auf dem Weg zum nächsten Haus werden verdächtige Personen auf einem Hügel ausgemacht. Wir gehen in einem Graben in Deckung. Es ist nicht zu erkennen, ob die Verdächtigen Waffen tragen. Ein Platoon schleicht sich durch das Unterholz auf sie zu. Wir bleiben im Graben zurück. Die Hitze und der Durst sind inzwischen unerträglich. Zwei Stunden verbringen wir im Graben, dann können wir weitergehen.

Im nächsten Haus finden die Soldaten Opium und verdächtige Dokumente, im nächsten Gebäude gestohlene Bestände der amerikanischen Armee. Drei weitere Afghanen werden festgenommen. Gefesselt und mit Jutesäcken über dem Kopf werden die Gefangenen ins Camp gefahren. Durch den schlechten Zustand der Bergstraßen, werden sie auf der Ladefläche des Lasters hin und her geworfen. Stoßen immer wieder mit den Köpfen zusammen. Auch wenn es sich um Taliban handeln könnte, habe ich Mitleid. Ich versuche die beiden Gefangenen zu stützen.

Über Funk kommt die Nachricht, dass Talibankämpfer unseren Konvoi beobachten. „The Taliban have eyes on us. Prepare for contact“, sagt der Platoonführer. Auf der Strasse, flankiert von steilen Berghängen, geben wir ein leichtes Ziel ab. Die untergehende Sonne scheint den Soldaten in die Augen. Es ist unmöglich zu erkennen, ob sich Personen zwischen den Geröllblöcken und Felsvorsprüngen verstecken. Die Soldaten sind bereit das Feuer jederzeit zu eröffnen. Mit zusammengekniffenen Augen versuche ich etwas zu erkennen. Die Situation lässt mir keine Zeit, Angst zu verspüren. Adrenalin schießt in meinen Körper. Eine halbe Stunde später erreichen wir ohne Zwischenfälle das Camp.

Wie sich später herausstellt, handelt es sich bei den Gefangenen tatsächlich um Taliban. Bei der medizinischen Untersuchung und der späteren Befragung durfte ich allerdings nicht anwesend sein. Der Schock, den die Bilder aus Abu Ghreib hinterlassen haben, sitzt den Amerikanern noch tief in den Gliedern.

Langsam verschwindet die Sonne hinter den Bergen. „Fire mission“, schreit eine Stimme. Der Ruf verursacht eine angespannte Hektik im Lager. Amerikanische und afghanische Soldaten springen aus Zelten und provisorischen Behausungen, werfen sich in ihre Splitterschutzwesten und stülpen die Schutzhelme über. Grenadiere springen an ihre Geschütze. Amerikanische Observierer, die in den Bergen rund um das US-Camp versteckt liegen, haben Afghanen mit Funkgeräten entdeckt, die das Lager beobachten und Informationen über Truppenbewegungen weiter geben. Abhörspezialisten der amerikanischen Armee fangen Funksprüche ab und bestätigen, dass es sich um Taliban-Krieger handelt. Die Position der fundamentalistischen Gotteskrieger ist schnell ermittelt, die Koordinaten werden umgehend an die Grenadiere, an ihren Haubitzen, weitergegeben. „Feuer“. Dreimal ertönt der Befehl. Dreimal schießen die beiden Geschütze 105 Millimeter Geschosse ab. Das Donnern der Explosionen rollt über die Bergkämme, in der Ferne steigt weißer Rauch auf. Ein Sergeant zeigt mit dem Daumen nach oben, das Zeichen, dass die Geschosse ihre Ziele nicht verfehlt haben. „Zwei Funkgräte weniger für die Bastarde“, ruft ein Soldat den Grenadieren zu. Das bedeutet auch zwei Taliban weniger. In Sergeant Jose Zambranos Gesicht spiegeln sich Stolz und Zweifel wieder. „Jetzt bin ich ein Killer“, sagt der aus New York stammende Grenadier nachdenklich.

Es ist das erste Mal, dass Joses Geschoß vermutlich einen Menschen getötet hat. „Ich bin darauf trainiert aber es macht mir doch zu schaffen“, sagt er traurig. „Schlimm, dass wir töten müssen, um dieses Land sicherer zu machen“, fügt er hinzu und verfällt in Schweigen. Ein Soldat kommt auf ihm zu, klopft ihm auf die Schulter: „Great, blowing up some bad guys.“ Jose lächelt gekünstelt. In der Nacht schlafen wir wieder in unseren Schuhen

Mein ehemaliger Mitbewohner Carsten Stormer schreibt seine Abschlussarbeit im Journalistikstudiengang in Afghanistan und schickt von Zeit zu Zeit Berichte und Photos. Dies ist einer seiner Berichte.

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