Grosse Kampfhandlungen

Wednesday, July 7th, 2004 | Uncategorized

Es ist der letzte Tag der Operation von 2-5 Infanterie und ANA in den Bergen Uruzgans. Bevor sie sich aus der Region zurückziehen ist noch eine große, letzte Aktion geplant. Abhörspezialisten der Amerikaner haben Funksprüche der Taliban abgefangen. In einer Moschee in den Bergen soll ein Treffen zwischen hochrangigen Talibanführern stattfinden.
Es ist vier Uhr morgens. Der Konvoi macht sich auf den Weg in die Berge. Amerikaner mit langen Bärten befinden sich unter uns. „Keine Fotos“, flüstert mir Tony zu. Sie gehören zu den Special Forces. Wahrscheinlich CIA-Paras.

Wieder einmal kommt es zu Verzögerungen, da einige Fahrzeuge stecken bleiben. Als die Sonne aufgeht, sind Schüsse und Explosionen zu hören. Über Funk wird mitgeteilt, dass ein Hubschrauber einen Trupp Soldaten auf einer Lichtung, in der Nähe der Moschee abgesetzt hat. Beim Verlassen des Hubschraubers wurden die sofort von Talibanmilizen beschossen. Über Funk hören wir die Stimmen der Taliban. Sie lachen und sprechen davon die Soldaten einzukreisen.

Der Platoon in dem Tony und ich uns befinden, erhält den Befehl, den Soldaten zu Hilfe zu eilen. Um die eingekesselten Soldaten zu erreichen, müssen vier Berge bezwungen werden. . Auch wir werden von den Taliban beobachtet. Sie wissen über jede unserer Bewegungen Bescheid, sprechen davon auf uns zu schießen, sobald wir uns in Bewegung setzen.

Wir bereiten uns auf einen langen Marsch vor. Es scheint ein langer, anstrengender und aufregender Tag zu werden. Ich stecke mir so viele Wasserflaschen in meine Schutzweste und Hosentaschen wie möglich.

Der Trupp setzt sich in Bewegung. Ich folge den Soldaten durch Maisfelder und Gehöfte. Auf Ziegenpfaden bewegen wir uns vorwärts. Die Besteigung des ersten Berges dauert nur eine Stunde. Die riesigen Felsblöcke bieten uns ausgezeichneten Schutz. Auf dem Gipfel gehen die Soldaten in Stellung und suchen das Tal, welches unter uns liegt, mit Feldstechern ab. Es sind keine verdächtigen Bewegungen zu erkennen. Ich befinde mich ganz vorne, beim ersten Platoon. Der zweite geht hinter uns in Stellung, gibt uns Deckung, währen wir den nächsten Berg erklimmen. Oben angekommen gibt der erste Platoon dem anderen Deckung gibt, während dieser nachkommt. Auch auf dem zweiten Berg gibt es nichts Außergewöhnliches zu entdecken. Wieder einmal bin ich von der Schönheit der kargen afghanischen Berge fasziniert. Es lässt mich die Gefahr, in der ich mich befinde, vergessen.

Auf der Spitze des dritten Berges ruhen wir uns eine Weile aus. Auf einmal sind wieder Schüsse zu hören. Diesmal ganz in unserer Nähe. Sie kommen von der anderen Seite des gegenüberliegenden Berges. Dann auf einmal ein Ruf: „Contact, Contact!“ Mehrere Männer wurden gesehen, wie sie über den Bergkamm kletterten. Ob sie bewaffnet sind, war nicht zu erkennen. Ich suche hinter einem Felsblock Schutz, versuche zu erkennen, was sich auf der gegenüberliegenden Seite abspielt. Dann der Ruf: „The guys setting up a machine gun!“ Das war das Signal auf das alle gewartet hatten. Im Bruchteil einer Sekunde bricht das Inferno los. Der Lärm der Maschinengewehre ist ohrenbetäubend. Neben mir sitzt Tony und feuert seine M-16 ab. Mir klingelte es in den Ohren. Wenige Meter neben uns schlagen Kugeln ein. Ein Taliban hatte uns in Visier genommen. Ein Scharfschütze hatte sich hinter mir positioniert und erschießt mindestens einen Taliban.

Der Platoonführer ruft Apache Kampfhubschrauber zur Verstärkung. Wenige Minuten später tauchten sie über uns auf, kreisen über den Bergen und feuern Raketen auf die Talibanstellungen ab. Während die Raketen in den Berg einschlugen, ist auf der anderen Seite des Berges wieder das Geräusch feuernder Maschinengewehre zu hören. Die Taliban konnten bei dieser Übermacht der Amerikaner keine Chance haben. Etwa eine Stunde dauert das Gefecht an, dann kehrt Ruhe ein. Eine unnatürliche Stille legt sich über die Berge und Täler. Kein Geräusch ist zu hören. Kein Wort wird gesprochen. Das Adrenalin lässt das Blut in meinen Adern pulsieren. Noch immer pfeift es in meinen Ohren.

Einige Soldaten suchen den Hang mit Ferngläsern nach Lebenszeichen ab. Nichts ist zu entdecken. Der Platoonführer gibt den Befehl, den Hang nach Gefallenen abzusuchen. Wir machen uns an den Abstieg. Nur noch ein Aufstieg liegt vor uns. Es soll der schwierigste werden. Zwei Stunden klettern wir über Felsblöcke und laufen durch Dornenbüsche. Leichen getöteter Taliban konnten nicht gefunden werden. Oben angekommen brechen einige Soldaten, wegen Wassermangel, zusammen. Die Anstrengungen der letzten Stunden fordern ihren Tribut. Einige Soldaten laufen seit Stunden ohne Wasser. Tony muss einem amerikanischen Luitenant eine Infusion legen.

Vom Gipfel des Berges ist die Moschee, in der sich die Taliban treffen sollten, deutlich zu erkennen. Keine Menschenseele ist in dem angrenzenden Dorf zu erkennen. Über Funk kommt die Anweisung, dass unser Platoon das Dorf durchsuchen soll, um Taliban gefangen zu nehmen. Ohne einen Tropfen Wasser ist diese Aufgabe nicht zu bewältigen. Außerdem sind alle Soldaten zu erschöpft, um noch einmal in ein Gefecht verwickelt zu werden. Der Platoonführer fordert Wassernachschub an. Zwei Humvees setzen am Fuß des Berges einige Kisten Wasser ab. Der Abstieg dauert nur eine halbe Stunde. Dankbar wird das lang erwartete Wasser in Empfang genommen. Es bleibt Zeit, um sich einige Minuten zu erholen.

Die Sonne fängt an unterzugehen. Die Truppen sammeln sich, um das Dorf und die Moschee in der Nacht zu stürmen.

Tony und ich sollen am nächsten Tag zurück nach Kandahar geflogen werden. Doch nun müssen wir die Nacht auf offenem Feld verbringen. Der Großteil der Soldaten macht sich, in der Dunkelheit, in das Dorf auf, um es zu stürmen. Die zurückgebliebenen Fahrzeuge bilden einen Kreis. Nach allen Seiten werden Wachen abgestellt. Da ich kein Nachtsichtgerät habe, muss ich, zusammen mit Tony, in der Wagenburg bleiben. Es erinnerte mich an alte Wild West Filme. Weiße Siedler schützen sich vor Indianerangriffen. Die Parallele zur jetzigen Situation lässt mich schmunzeln. Allerdings nur für kurze Zeit. Zu wenig Soldaten sind zurück geblieben, um das Lager zu schützen. Also sollen auch Tony und ich Wache schieben. Toll! Also verkrieche ich mich hinter einem der Lastwagen. Mit einer M-16 bewaffnet starre ich stundenlang in die Dunkelheit. „Wenn du Schüsse hörst, schieß einfach drauflos“, sagt Tony. Ich hasse die Tatsache eine Waffe in den Händen zu halten. Noch mehr hasse ich den Gedanken, eventuell von ihr Gebrauch machen zu müssen. Zum Glück bleibt die Nacht ruhig. Die Suche nach den Taliban bleibt erfolglos. In der Moschee befand sich kein Mensch mehr. Die Gesuchten hatten alle Zeit der Welt, sich in ihre Verstecke in den Bergen zurück zu ziehen. Es besteht kein Grund zur Eile für die Taliban. Vermutlich wissen sie längst, dass die US Truppen sich am nächsten Tag aus der Region zurückziehen werden.

Mein ehemaliger Mitbewohner Carsten Stormer schreibt seine Abschlussarbeit im Journalistikstudiengang in Afghanistan und schickt von Zeit zu Zeit Berichte und Photos. Dies ist einer seiner Berichte.

No Comments to Grosse Kampfhandlungen

[...] die Artikel auch in der Afghanistan Kategorie. Die folgenden Artikel sind dazugekommen: Grosse Kampfhandlungen Freier Tag Dorfdurchsuchung & Artillerieangriff Unabhän [...]

Leave a comment

Kalender

July 2004
M T W T F S S
« Jun   Aug »
 1234
567891011
12131415161718
19202122232425
262728293031  

Kategorien

Search