Geschichten aus der Gruft

Saturday, October 16th, 2004 | Universität

Er war mal ganz überzeugend. Als das WWW jung war, da war er dabei. Hatte gute Ideen. Brachte richtig was ins Rollen. Viele seiner Arbeiten werden immer noch genutzt, funktionieren auch ohne Relaunch noch ordentlich. Aber er hat irgendwann den Anschluss verloren. Viele machen Internet, viele sind besser geworden. Und das Internet ist anders. Das, was damals neu war, das ist jetzt normal.

Seine Idee war ganz gut. Gute Studenten abgreifen, mit interessanten Menschen reden und ihnen die neue bunte Welt zeigen. Öffentliche Mittel nutzen. Privat abrechnen. In der Grauzone zwischen Institut und Wirtschaft ließen sich gute Gewinne machen und schöne Preise abgreifen. Nutzte ja beiden. Und die Konkurrenz blieb doppelt aussen vor. Gute Leute wurden abgegriffen und Preise konnten auf Basis von Studentenlöhnen berechnet werden. Und natürlich einem kleinen Bonus.

Irgendwann ging das dann nicht mehr. Nicht plötzlich, der Zerfall kam schleichend. Er hatte Familie, konnte und wollte nicht mehr soviel Zeit in die Arbeit stecken. Die besseren Leute gingen, im Streit, oder weil sie bessere Angebote bekamen. Die Ergebnisse blieben weg. Neue Leute wandten sich wieder ab, zu absurd war sein Stil, zu konfus seine Führung. Es rächte sich, dass er nie gelernt hatte, vernünftig zu führen, zu motivieren und zu organisieren. Sein bisschen Wissen um Technik veraltet schnell. Solange alles neu war, konnte man darüber hinwegsehen, da konnte er auch selber noch was. Aber die Zeiten änderten sich.

Er ist nicht ohne Einkommen, da hat er sich abgesichert. Eine hübscher staatlicher Job, der ist sicher und nicht so leicht zu verlieren. Aber das Selbstvertrauen, die Achtung vor sich selbst, die verschwinden langsam. Und das spürt man. Er wird nicht mehr ernstgenommen. “Der weiss nichts, der ist nicht vorbereitet, der labert nur rum.” Sein Lachen, seine oberflächliche Freundlichkeit, sein Bitten um Termine klingen noch nach früher. Aber die Ideen sind weg. “Es muss grossartig aussehen” reicht halt nicht mehr. Er bettelt um neue Kontakte. Aber man hat keine Zeit mehr für ihn. Seine Zeit ist vorbei. Er spürt es. Aber will es nicht wissen.

No Comments to Geschichten aus der Gruft

larsipulami
18. October 2004

Der ist gut. Wirklich. Bin interessiert was er dazu sagt.

Malte Diedrich
18. October 2004

Er wird es nicht lesen. Falls doch, wird er sich nicht erkennen wollen. Falls doch, wird er nichts dazu sagen, um die Einschätzung nicht zu bestätigen. Es ist übrigens nicht Jürgen Friedrich. Obwohl das ähnlich aussehen würde.

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