Auf nach Khartum

Tuesday, February 15th, 2005 | Gastbeiträge

Mein ehemaliger Mitbewohner, Carsten Stormer, ist im Sudan unterwegs gewesen. Einige ältere Leser kenne vielleicht noch seine Berichte aus Afghanistan. Hier eine Mail aus dem Sudan:

In einer der wenigen nicht zerstörten Hütten in dem Dorf Farawija in Nord Darfur sitzt Adam Ibrahim, Angehöriger des Stammes der Zhawaga. Auf seinem Schoß liegt eine Panzerfaust, hinter ihm stehen – ordentlich aufgereiht – Dutzende Kalaschnikows und G3 Sturmgewehre. Am Boden liegen einige Handgranaten und Bajonette. „S.L.A“, ruft der 23jährige und klopft sich mit der Faust auf die Brust. Er trägt einen gelben Turban über seiner Rastafrisur. Um seinen Hals, Oberkörper und Hüfte baumeln an Kordeln und Schnüren aufgereihte Lederbeutel, die mit Koransuren gefüllt sind – die Hijabs. Adam glaubt, dass diese Lederbeutel ihn vor den Kugeln seiner Feinde beschützen werden. Er zeigt auf die Waffen: „Die haben wir alle den Regierungstruppen abgenommen“, sagt er und klopft sich wieder stolz auf die Brust. „S.L.A“

Vor sechs Monaten flog die sudanesische Armee einen Angriff auf Adam’s Dorf. Dabei kamen seine Mutter, seine Schwester und sein Onkel ums Leben. Seitdem kämpft auf der Seite der Sudanese Liberation Army (SLA), einer der vielen Rebellengruppen. Äußerlich sind die SLA Kämpfer von anderen afrikanischen Rebellen kaum zu unterscheiden – sie tragen Turban, Ray Ban Spiegelbrille und Muskelshirts unter den Kaftanen. „Wir kämpfen für Frieden und die Gleichberechtigung der afrikanischen Stämme in Darfur“, sagt Adam voller Überzeugung – doch es klingt nach einer einstudierten Phrase.

Seit fast zwei Jahren kämpfen die SLA und die Schwesterorganisation Justice and Equality Movement (JEM) gegen die sudanesische Regierung und die Jenjaweed – die von der Regierung unterstützten bewaffneten arabischen Reitermilizen. Im arabischen bedeutet jaan böse und jawad Pferd. Man könnte es also als ‚böser Reiter’ übersetzen.

In diesem Zeitraum starben laut Berichten der Menschenrechtsorganisationen circa 50.000 Sudanesen, doch diese Zahl ist nur schwer zu belegen, da es kaum unabhängige Beobachter in den betroffenen Gebieten gibt. 1,2 Millionen Menschen sollen sich auf der Flucht befinden – und es werden immer mehr. Die Regierung in Khartum hat schon vor einiger Zeit die Einreise von Journalisten und Hilfsorganisationen blockiert und somit ist eine genaue Einschätzung der Lage unmöglich. Sicher ist allerdings, dass sich in Darfur eine Katastrophe ungeahnten Ausmaßes abspielt.

Für die Einwohner der Region Dafur ist das grauenvolle Szenario des Bürgerkrieges Alltag: Sudanesische Soldaten und die Jenjaweed greifen ihre Dörfer an, töten Zivilisten und vergewaltigen Frauen. Hierfür gibt es Hunderte von Augenzeugenberichten und Adam’s Erzählungen vom Angriff auf sein Dorf Farawija ist nur einer von vielen Beweisen.

15 Minuten von Farawija entfernt, am Fuß eines Hügels, liegen die von der Sonne ausgetrockneten und mumifizierten Überreste von elf Menschen. Auch sechs Monate nach dem Angriff auf Farawija liegt noch immer der leicht süßliche Verwesungsgeruch in der Luft. Tiere haben die Leichen angefressen und große Stücke aus den Körpern gerissen. Knochen und Totenschädel verbleichen unter der sengenden Saharasonne. Patronenhülsen liegen auf dem steinigen Untergrund verstreut. Ein SLA Mann erzählt, dass die Männer von ihren Mörder an diese abgelegene Stelle gefahren, in zwei Gruppen aufgeteilt und dann hinterrücks erschossen wurden. Auf den Hemden und Hosen der Opfer sind immer noch getrocknete Blutflecken zu erkennen. Die Leichen, aus Propagandazwecken von den Rebellen nicht beerdigt, sind so auch nach 6 Monaten noch stumme Zeugen der unbarmherzigen Brutalität dieses Krieges.

Farawija selbst ist komplett zerstört. In dem gelben Sand am Stadtrand liegt eine graue Fliegerbombe russischen Typs – ein Blindgänger. Wenige Schritte entfernt klafft ein Bombentrichter von neun Meter Durchmesser im Boden. Die Sudanesische Luftwaffe besitzt nur Antonows – alte russische Bomber, die für den Bombenabwurf nur eine Luke besitzen. Sie sind völlig ungeeignet zur gezielten Bekämpfung von Rebellen, da die Abwürfe relativ unkontrolliert und unpräzise erfolgen und somit eher wahllos Verwüstung unter Zivilisten anrichten.

In den zerstörten Hütten findet man zerbrochene Emailschüsseln, und Tonkrüge, alte Lederkoffer, Plastikpantoffeln und zerrissene Bücher – auch den heiligen Koran. Verkohlte Bettgestelle, verschmorte Zahnbürsten. Auf dem ehemaligen Marktplatz liegen Dutzende gesprengte Tresore. In der Schule leisteten die Jenjaweed besonders gründliche Arbeit. Die Tafeln sind von den Wänden gerissen und auf dem Boden finden sich zerstörte Schulhefte und Bücher – in stundenlanger Arbeit von Hand in kleine Stücke gerissen. Auf manchen Fetzen sind noch Mathematikaufgaben, Englischvokabeln oder Islamstudien zu erkennen.
Doch Raub und Zerstörung von Hab und Gut sind nicht die einzigen schrecklichen Auswirkungen dieses Bürgerkrieges. Amnesty International (AI) berichtet von Gräueltaten wie Missbrauch, Folter und Vergewaltigung auch von Seiten der Rebellen, aber aufgrund der Sicherheitslage und der Einreisebeschränkungen ist es schwierig, Beweise zu sammeln. Es ist ein schmutziger Krieg. Afrikaner töten Afrikaner. Muslims töten Muslims. Helden gibt hier keine, dafür viele Opfer.

Ethnische Konflikte zwischen schwarzafrikanischen und arabischen Stämmen gab es seit jeher. Im Februar 2003 bildeten sich die beiden Rebellengruppen SLA und JEM – zu einem Zeitpunkt, als die Friedenverhandlungen zwischen der sudanesischen Regierung und den Rebellen im Südsudan gerade erste Erfolge zeigte.

Die Rebellenbewegung hatte berechtigte Vorwürfe gegen die Regierung. Darfur wurde erheblich vernachlässigt – Straßen, Krankenhäuser, Schulen verfielen. Gutbezahlte Regierungsstellen wurden hauptsächlich an Araber vergeben, obwohl diese die Minderheit darstellten. Viele Betroffene sahen keine andere Möglichkeit, als sich ihre Rechte mit Waffengewalt zu erkämpfen, so wie es die Rebellen im Südsudan vorgemacht hatten. In ihrem Manifest lud die SLA Araber und Afrikaner gleichermaßen ein, gegen die „Rassendiskriminierung, den Ausschluss und die Ausbeutung“ zu protestieren, um ein „Sudan auf der Basis von Gleichheit, Einschränkung von Machtbefugnissen, gleicher Entwicklung, politischem Pluralismus sowie moralischen und materiellen Aufschwung für alle Sudanesen“ zu schaffen.

Im April 2003 griff schließlich die frisch gegründete SLA den Flughafen in El Fasher an, zerstörte Kampfjets und tötete Regierungssoldaten. Durch diesen Angriff kam die SLA erstmals zu einer ernstzunehmenden Anzahl von Waffen, Land Cruisers und Thuraya Satellitentelefonen.

Der Konflikt eskalierte schnell. Die sudanesische Armee flog daraufhin Luftangriffe auf die Zivilbevölkerung und unterstützte die Jenjaweed bei Überfällen auf Dörfer, weil der Verdacht bestand, dass die Bewohner mit den Rebellen kooperieren und sie mit Nahrungsmitteln unterstützen würde. An dieser Vorgehendweise hat sich bis heute nichts geändert.

„Die Zivilbevölkerung ist die SLA“, sagt Sulemein Mohammad Jamous, humanitärer Koordinator der SLA. „Wir zwingen keinen, sich uns anzuschließen. Alle sind freiwillig hier.“ Wenn nötig wollen die Soldaten der SLA solange weiterkämpfen, bis sie die Hauptstadt Khartum eingenommen haben. 35.000 Mann will die SLA unter Waffen haben. „Wenn nötig mobilisieren wir 200.000. Jeder Junge der eine Waffe halten kann wird bereit sein, für unsere Sache zu sterben“, da ist sich Jamous sicher. Tatsächlich befinden sich jetzt schon erschreckend viele Jugendliche unter den Rebellen – manche noch halbe Kinder. Hamid behauptet, er sei 16, sieht aber eher aus wie 13. „Ich möchte meine Eltern rächen“, sagt er, entsichert seine Kalaschnikow und zielt auf einen imaginären Punkt in der Ferne, dann zeigt er auf seine Hijabs: „Mich kann keiner töten.“ Aus ihm spricht die Überzeugung eines Kindes.

Die Frage, wie die SLA Khartum einnehmen will, kann Jamous nicht beantworten. Die Rebellen kontrollieren im Augenblick zwar etwa 80 Prozent von Darfur, aber diese 80 Prozent bestehen ausschließlich aus Weideland, Wüstengebieten oder kleinen Dörfern. Keine einzige Stadt ist derzeit unter ihrer Kontrolle. Sie hatten zwar kurzzeitig Kurnoi eingenommen, doch nach einer erbarmungslosen Schlacht mit Hunderten von Toten auf beiden Seiten fiel diese wieder zurück an die Regierungstruppen.
„Alle Waffen, die wir besitzen, haben wir der Regierung abgenommen – so bewaffnen wir unsere Kämpfer. Je öfter wir kämpfen, desto schneller werden wir siegen“, sagt Abdulrahman Ardjar, Kommandant des Versorgungsstützpunkts Amerei wenige Kilometer von dem zerstörten Dorf Anka entfernt. Wenn das Benzin knapp wird überfallen die Rebellen einen Konvoi der Regierung – es kam auch schon vor, dass Konvois von Hilfsorganisationen überfallen wurden. „Ein Missverständnis“, mein Abdulrahman, und natürlich keine Missachtung des Waffenstillstands. Hoffnung setzt die SLA auf die USA – wahrscheinlich die einzige muslimische Bewegung. „George Bush wird uns helfen“, sagt Ardjar. „In Afghanistan und im Irak lässt er ja auch Araber töten.“

Eine träge Ruhe herrscht in dem kleinen Dorf Amerei. Doch die Ruhe ist trügerisch. Jeden Tag passieren Fahrzeuge – vollbeladen mit Waffen, Munition und Soldaten – das Dorf Richtung Süden. Die Friedensverhandlungen zwischen den Rebellen und der sudanesischen Regierung, die in der nigerianischen Hauptstadt Abuja stattfanden, wurden gerade abgebrochen. Die Rebellen weigerten sich, die Gespräche fortzuführen. Sie beschuldigen die Regierung, den im April 2004 ausgehandelten Waffenstillstand gebrochen zu haben. Die Afrikanische Union (AU) beschuldigt beide Seiten.

Sulemein Jamous Meinung nach erfüllen die Friedensgespräche für die Regierung ohnehin nur eine Alibifunktion. So kann sie den Konflikt im Süden beenden und sich dann voll und ganz auf den Krieg in Darfur konzentrieren. „Das schlimmste steht uns noch bevor. Wir sind auf alles vorbereitet.“
Jeden Tag werden neue Schreckensmeldungen über Satellitentelefon verbreitet. Besonders heftig sollen die Kämpfe in der Gegend um Labador sein – östlich von Nyala, Darfurs größter Stadt.

Und während die Rebellen ihre Truppen und Stützpunkte nach Süden verlegen, reagiert die sudanesische Regierung, indem sie wieder damit beginnt, Dörfer im Norden zu bombardieren. In der ersten Januarwoche griffen Antenowbomber und Jenjaweed die Rebellenhochburg Saya, nordöstlich von El Fasher an, es soll viele Tote gegeben haben – die Zivilbevölkerung konnte nicht beschützt werden. Khartum ist in weite Ferne gerückt. Ein Frieden für Darfur ebenfalls.

No comments yet.

Leave a comment

Kalender

February 2005
M T W T F S S
« Jan   Mar »
 123456
78910111213
14151617181920
21222324252627
28  

Kategorien

Search