Gastbeitrag: Brüderchen und Schwesterchen

Sunday, April 10th, 2005 | Gastbeiträge

Mein ehemaliger Mitbewohner, Carsten Stormer, ist im Kongo unterwegs. Einige Leser kenne vielleicht noch seine Berichte aus Afghanistan und aus dem Sudan. Hier eine Mail aus dem Kongo:

Kaba ist seit Stunden auf der Flucht. Ob seine kleine Schwester lebt oder wo sie ist, weiß er nicht; er hat sie bei dem Angriff auf sein Dorf aus den Augen verloren. Aber er kennt das Schicksal seiner Eltern.

Am Morgen des 27. Januar 2005, kommt der Tod nach Kawa. Die Mutter wird von einer Kugel in den Rücken getroffen und mit einer Machete in Stücke gehackt. Dem Vater wird die Kehle durchgeschnitten. In ihrem Blutrausch sehen die Mörder den zitternden Jungen nicht, der sich halb tot vor Angst in einen dunklen Winkel der Hütte presst. Kaba überlebt, weil er sich unter dem sterbenden Körper seines Vaters versteckt. Das Blut des Vaters läuft über ihn und verkrustet langsam auf seiner Haut und seinen Kleidern. Die Milizen, die das Dorf Kawa überfielen, es plünderten, die Bewohner ermordeten und die Frauen vergewaltigten, halten den Jungen für tot. Kaba ist 14 Jahre alt.

Onarin ist sieben Jahre alt. Als die Schüsse fallen und die ersten Menschen getroffen zu Boden sinken bleibt sie wie angewurzelt stehen und beginnt zu schreien. Sie will zu ihren Eltern laufen doch fremde Männer mit Macheten und Gewehren dringen in ihre Hütte ein. Im gleichen Augenblick hört sie aus dem Haus gellende Schreie; es sind die Todesschreie ihres Vaters und Bruders. Die Mutter liegt blutüberströmt vor der Hütte. Ein Mann schneidet ihr gerade mit einem langen Messer den Bauch auf. Die Bilder werden sich für immer in ihr Gedächtnis einbrennen. Ein Mann rennt auf sie zu, hebt das schreiende Kind auf und läuft mit ihr in den Busch; in Sicherheit. Onarin ist Kabas Schwester. Beide haben überlebt und beide halten den anderen für tot.

34 Menschen sterben an diesem Tag. Das Dorf ist zerstört, die Hütten niedergebrannt, das Vieh gestohlen. Kaba kriecht unter dem leblosen Körper seines Vaters hervor, springt über Leichen und Körperteile. Er rennt in den Busch, wäscht sich an einem Bach das Blut des Vaters ab. Hier kennt er sich aus, seine gesamte Kindheit hat er dort verbracht. Doch der Junge steht unter Schock, irrt ziellos im Dickicht umher. Nach Stunden hört er plötzlich Stimmen. Er kauert sich in Todesangst unter einen Baum.

Die Stimmen kommen langsam näher. Eine davon kommt Kaba bekannt vor. Sie gehört Dundu, einem Nachbarn und Dundu hält seine Schwester Onarin an der Hand. Die Totgeglaubten fallen sich in die Arme, beginnen hemmungslos zu weinen, lassen ihren Gefühlen freien Lauf und glauben zum ersten Mal seit Stunden, dass sie diesen Tag überleben werden.

Die Geschwister gehören zum Stamm der Hema, die Mörder zum Stamm der Lendu. Ethnische Spannungen zwischen den verschiedenen Stämmen haben eine uralte Tradition in Ituri, der krisengeschüttelten Region im Osten der Demokratischen Republik Kongo. Laut den Vereinten Nationen findet hier die grüßte humanitäre Katastrophe der Gegenwart statt. Drei Millionen Menschen sollen in den letzten fünf Jahren ums Leben gekommen sein. 85.000 Menschen befinden sich auf der Flucht. 16.000 Soldaten der Vereinten Nationen befinden sich im Kongo; es ist die größte Friedensmission weltweit. Die Lendus gehören zu den FNI Milizen, die Hemas zu der UPC.

Die Flüchtenden können nicht ahnen, dass die Lendu ihnen dicht auf den Fersen sind. Im Busch treffen sie auf weitere Überlebende. Sie bleiben zusammen, suchen Nahrung, kümmern sich um die Verwundeten und spenden Trost. Elternlose Kinder werden in die Obhut von Erwachsenen gestellt. Onarin und Kaba bleiben bei Dundu.

Es ist der siebte Tag im Wald. Um neun Uhr abends greifen die Lendu zum zweiten Mal an. Der Angriff kommt völlig überraschend. Alte, Verwundete und Kinder gehören zu den ersten Opfern; sie werden mit Macheten niedergemacht. Kein Schuss fällt, keine Kugel wird an die Wehrlosen verschwendet. Wieder müssen die Geschwister um ihr Leben laufen. Beide werden für ihr immer gekennzeichnet, als FNI Milizionär die Kinder gefangen nehmen und die Macheten auf ihre Köpfe niederfahren lassen. Onarin hat eine tiefe, stark blutende Wunde vom linken Mundwinkel bis zum Ohrläppchen. Kaba hat eine klaffende Wunde am Hinterkopf bis zur rechten Schläfe. Die Milizionäre lassen die Kinder ohnmächtig im Staub liegen. Beide verlieren viel Blut aber sie überleben. Auch Dundu kommt mit dem Leben davon. Sie können sich bis nach Kafe durchschlagen, wo bangladeschische UNO Truppen stationiert sind. Ihre Wunden werden versorgt, doch ihre Seele kann keiner heilen.

Als die Nachricht von den Massakern die Provinzhauptstadt Bunia erreicht entschließt sich die UNO zum Handeln. Am 29. Januar werden pakistanische Soldaten unter Führung von Major Ahmed von einem Hubschrauber in der Region abgesetzt. Den Blauhelmen bietet sich ein Bild der Verwüstung und des Terrors. Die gesamte Hema Bevölkerung im Djugu Territorium befindet sich auf der Flucht, fast alle Dörfer sind nieder gebrannt und geplündert. Überall liegen die Leichen ermordeter Hemas. In den noch rauchenden Ruinen findet Major Ahmed die Überreste verbrannter Kinder.

Die Toten sind grausam entstellt. Vielen wurden bei lebendigem Leib die Augen ausgestochen, Nase und Ohren abgetrennt, die Hände verbrannt. Schädel- und Bachdecke sind geöffnet; Gehirn, Leber und Herz verspeist. Kannibalismus hat in diesem Teil Afrikas Tradition. Körperteile werden gegessen, um den Geist und den Mut des Feindes in sich aufzunehmen. Mehr als 1.500 Menschen nehmen die Lendu als Geiseln. Die Frauen und Mädchen dienen als Sexsklavinnen, die Männer und Jungen müssen auf den Feldern schuften.

Die Überlebenden sind in einem fürchterlichen Zustand. Ihnen wurde alles genommen; selbst die Kleidung. Pakistanische Armeeärzte geben Soforthilfe. Kinder mit klaffenden Kopf- und Halswunden müssen versorgt werden. Die Soldaten finden eine vergewaltigte, hochschwangere Frau im Dickicht. Sie hat eine Schusswunde in der Hüfte. Während der Notoperation kommt ihr Baby zur Welt; Mutter und Kind überleben. Die Soldaten teilen ihre Kleidung und Nahrung mit den Nackten und Hungrigen Menschen; dies soll später von der UN Führung kritisiert werden, da die Lebensmittel nur für UN Personal verwendet werden dürfen.

Während Kaba und Onarin in Kafe behandelt werden, gehen die pakistanischen Soldaten mit Waffengewalt gegen die FNI Miliz vor. Die Lendu werden zurückgeschlagen und müssen einen Großteil der Geiseln freilassen. Zur gleichen Zeit wird ein provisorisches Flüchtlingslager aufgebaut. Es wird Tche genannt. Innerhalb kürzester Zeit schwillt Tche zu einem Dorf mit 22.000 Menschen an. Jeden Tag kommen mehr Leute hinzu. Jeder hat seine eigene schreckliche Version von dem Horror, der ihr Leben zerstörte. Auch Onarin, Kaba und Dundu treffen ein, nachdem die Wunden der beiden Kinder verheilt sind. MONUC setzt den Milizen ein Ultimatum: Sollten sie nicht bis zum 1. April freiwillig ihre Waffen abgeben, will die UNO mit Waffengewalt gegen sie vorgehen.

25. März 2005. Es regnet seit Tagen in Strömen. Eine Schlammwelle schießt durch die provisorische Unterkunft aus grünen Plastikplanen, schwemmt Müll und menschliche Abfälle in das Zelt. Auf den Hügeln, die das Lager umgeben sind Panzer und schwere Maschinengewehre der Pakistanis in Stellung. Es kann jederzeit mit einem Angriff auf das Lager gerechnet werden.

Das neue Leben der Kinder beginnt damit, das alte zu vergessen. Onarin hat noch immer einen dicken Verband an der linken Wange. Sie kann die Erlebnisse nicht verarbeiten, spricht kaum und Alpträume quälen sie jede Nacht. Die Träume sind immer die Gleichen: jede Nacht werde die Eltern aufs Neue von Macheten in Stücke gehauen. Kaba trägt ein Schlamm verschmutzets Bart Simpson T-Shirt. “What’s up, Dude?” steht da drauf. Es ist das einzig fröhliche an dem Jungen. Er ist noch immer traumatisiert, hat kaum Kontakt zu anderen Kindern und nimmt nur unregelmäßig Nahrung zu sich. Obwohl die Wunden der Kinder verheilt sind, wird es noch lange dauern, bis die Narben auf ihren Seelen verwachsen sind.

31. März. Die Drohung der Vereinten Nationen zeigt Wirkung. Täglich geben hunderte Kämpfer, hauptsächlich Kindersoldaten, ihre Waffen ab. Dreiviertel aller Milizen sollen inzwischen entwaffnet sein. Die UNO hat Hoffnung auf Frieden und die pakistanischen Soldaten machen sich bereit, Tche zu verlassen und an die kongolesische Armee zu übergeben. Das Gerücht verbreitet sich auch im Lager. Dundu sitzt vor seinem Zelt und hält die Kinder in seinen Armen. Das Licht der untergehenden Sonne taucht die kongolesischen Berge in dunkles Grün. Er sieht besorgt aus. Die Lendu haben den Hema eine Warnung zukommen lassen: Sie brauchen keine Kalaschnikows, um ihr blutiges Werk zu vollenden. Macheten können genauso effektiv sein; sobald die MONUC Soldaten die Gegend verlassen haben.

02. April 2005. Bangladeschische, Marokkanische, Pakistanische und Südafrikanische Soldaten nähern sich einem FRPI Milizencamp in Bolonzabo. Die FRPI hat sich bis zuletzt geweigert, freiwillig die Waffen abzugeben. Die Milizen eröffnen Feuer, MONUC Soldaten schießen zurück. Kampfhubschrauber geben aus der Luft Unterstützung. 18 Milizionäre werden getötet. Die Vereinten Nationen haben ihre Drohung war gemacht.

No comments yet.

Leave a comment

Kalender

April 2005
M T W T F S S
« Mar   May »
 123
45678910
11121314151617
18192021222324
252627282930  

Kategorien

Search