Gastbeitrag: 75 Tage Todesangst

Monday, April 11th, 2005 | Gastbeiträge

Mein ehemaliger Mitbewohner, Carsten Stormer, ist im Kongo unterwegs. Einige Leser kenne vielleicht noch seine Berichte aus Afghanistan und aus dem Sudan. Hier eine Mail aus dem Kongo:

Sechs Tage ist Jean Pierre auf der Flucht. Vier Tage versteckte er sich auf dem Dachboden eines Kongolesen; dann wird es auch dort zu gefährlich. Kigalis Strassen sind verstopft mit den Leichen ermordeter Tutsis. Jean Pierre sieht, wie auf dem Bürgersteig eine Frau vergewaltigt wird. Neben ihr schlitzt ein Mann den Bauch ihres Sohns mit einer Machete auf; die Frau muss zusehen, wie ihr Kind stirbt. Als der Todeskampf zu Ende ist, wird der Mutter mit einer Machete der Kopf abgetrennt. Der Mob beginnt zu singen.

Obwohl es in dieser Nacht regnet befinden sich tausende auf den Strassen. Mörder jagen ihre Opfer und der Asphalt ist glitschig von Regen und Blut. Jean Pierre kämpft gegen den Drang an zu rennen, dies wäre sein Todesurteil denn Jean Pierre gehört zum Stamm der Tutsi. Er hat Glück, denn er befindet sich im muslimischen Viertel Kigalis; hier kennt ihn keiner. In einem Garten sieht er seine letzte Rettung; einen Abwasserschacht von etwa einem Meter Durchmesser. Zeit zum Überlegen hat er keine. Er springt und fällt.

Es ist der 6. April 1994. Als Jean Pierre das brennende Flugzeug am Himmel sieht weiß er, dass der Tod nach Ruanda kommt. Jean Pierre sitzt gerade mit Freunden beim Abendessen. Wenige Minuten später ist im Radio die Nachricht zu hören, dass die Maschine des Präsidenten. Fast zeitgleich mobilisiert sich eine inoffizielle Milizengruppe, die Interahmwe, angestachelt durch Radio Propaganda und der Leibgarde des Präsidenten. Über Lautsprecher hört Jean Pierre, wie gewöhnliche Hutus aufgefordert werden ihre Freunde und Nachbarn zu ermorden. Die, mit denen er gegessen hat werden die nächsten Tage nicht überleben.

Ethnische Spannungen zwischen Hutus und Tutsis sind nichts Neues in Ruanda. Jean Pierre ist sich Sicher, dass auch diese Welle der Gewalt bald zu Ende geht. Wer hätte auch ahnen können, dass über 800.000 Tutsis in den nächsten zwei Monaten von Macheten schwingenden Straßenkindern und marodierenden Soldaten abgeschlachtet würden. Und wer hätte ahnen können, dass die Welt dem grausamen Völkermord zusehen würde.

Das Wasser steht ihm bis zur Hüfte; es rettet ihm bei dem Sturz das Leben und es kann zu seinem Grab werden. Er ist umgeben von Dunkelheit, nur ein schwacher Lichtschein am Ende des Schachts ist zu sehen; elf Meter über ihm. Im Schacht verschwimmt der Tag zur Nacht, Sekunden werden zu Stunden, ein Tag fühlt sich an wie ein Jahr. Die erste Nacht verbringt er stehend. Das Wasser kühlt ihn aus. Sein Körper beginnt unkontrolliert zu zittern. Er ist sich sicher, dass er die Nacht nicht überleben wird; bestimmt hat ihn jemand springen sehen. Und falls nicht, wird er langsam verrotten.

Es musste inzwischen ein Tag vergangen sein, als das Päckchen mit Bananen und Reis auf seinen Kopf fällt. Ein Kanister mit Wasser folgt an einem Seil. Der Schacht ist breit genug, um in die Hocke zu gehen. Als die Schmerzen in Rücken und Knien kaum noch zu ertragen sind und der Hunger in seinem Magen brennt, fällt das nächste Päckchen herunter; gefolgt von einer Strickleiter. Eine Stunde braucht er, bis seine klammen Hände und steifen Beine die letzte Sprosse erreichen. Zwei Hände packen ihn unter den Armen und ziehen ihn aus seinem Gefängnis. Jean Pierre schließt die Augen und wartet darauf, dass eine Machete in sein Fleisch fährt.

Doch er ist zum Leben verdammt. Er öffnet die Augen und sieht zum ersten Mal in das Gesicht des Mannes, dem er sein Leben verdankt. Sein Name ist Musamiru; ein Moslem. Jean Pierre bleibt eine Stunde in Freiheit. Im Haus kann er sich nicht verstecken; inzwischen werden alle 20 Minuten die Häuser durchsucht und viele Moslems wurden getötet, weil sie flüchtende Tutsis versteckt hatten. Er hat gerade genug Zeit, um seinen geschundenen, leblosen und tauben Körper ein wenig Leben einzuhauchen. Währenddessen erzählt Musamiru von den anhaltenden Massenmorden, dass die UNO Truppen das Land verlassen haben und dass die afrikanischen Nachbarn und die ganze Welt zusieht, wie Ruanda in Blut und Tränen ertrinkt; dann muss er wieder zurück in die kalte, feuchte Dunkelheit.

Wann immer es geht wirft Musamiru etwas zu Essen ins Loch; manchmal dreimal die Woche, manchmal nur einmal. Immer nachts. Bloß nicht von misstrauischen Nachbarn beobachtet werden. Bloß nicht auffallen. Es hätte für beide das Todesurteil bedeutet. Warum Musamiru hilft bleibt sein Geheimnis. Der Kanister mit Wasser muss wochenlang halten. Nach einigen Tagen ist es abgestanden und brackig. Im Loch stinkt es erbärmlich und bald steht, sitzt und schläft er in seiner eigenen Scheiße.

Die Träume; am Tag oder in der Nacht sind immer die gleichen; ein lachender und singender Mob hackt ihn langsam in Stücke. Seine verwundete Seele wird langsam vom Wahnsinn aufgefressen.

Das Geräusch einschlagender Granaten kommt immer näher. Truppen der Rwandan Patriotic Front (RPF); Tutsis; rücken aus den angrenzenden Bergen in die Stadt vor. Doch in seinem Verlies kann er immer noch den Gesang des mordenden Mobs hören; das Schlachten geht weiter. Jean Pierre kann nur anhand Musamirus Erzählungen erahnen, was sich in der Stadt abspielt. Sein sehnlichster Wunsch: Eine Granate soll sein Loch treffen und die Qualen beenden. Sein Flehen wird nicht erhört und nach 75 Tagen wird die Strickleiter zum letzten Mal in das Loch herunter gelassen.

Doch nicht Musamiru steht vor ihm. Stattdessen starrt der vor Schmutz starrende, stinkende, abgemagerte Mann in die Gesichter bewaffneter Soldaten. Er hat gesehen, was Macheten anrichten können. Mit der letzten Anstrengung seiner schwindenden Kräfte wirft er auf einen Soldaten mit einer Kalaschnikow. Er kann Freund von Feind nicht mehr unterscheiden, will, dass eine Kugel sein Leben beendet. Schnell sterben, nur nicht leiden. Doch die Kraft reicht nicht mehr. Jean Pierre wiegt nur noch 45 Kilo. 65 Kilo hat er in den letzten zehn Wochen verloren.

Halb blind und wahnsinnig von Dunkelheit, Hunger und Terror bricht er zusammen. Erst als ihn Soldaten stützen und ihm frisches Wasser bringen dämmert es ihm, dass er gerettet ist. Für die hundert Meter vom Abwasserschacht bis zum Haus Musamirus braucht er fast 15 Minuten. Sein neues Leben beginnt damit, Laufen zu lernen.

Erst nach Tagen erfährt er das ganze Ausmaß der Katastrophe. Erfährt, wie die Tutsis in Kirchen getrieben und verbrannt wurden. Wie Lehrer ihre Schüler töteten, Nachbarn die Nachbarn, Freunde die Freunde. Und er erfährt, dass seine Familie ausgelöscht wurde.

Sein Vater wurde von einem Freund in seinem Auto verbrannt. Die Mutter, drei Schwestern und vier Brüder vergewaltigt und von Macheten in Stücke gehauen und in einem Massengrab verscharrt. Jean Pierre kennt die Killer, er wuchs mit ihnen auf; sie können nach Uganda oder Zaire fliehen.

Nur einer, der Mörder seines Vaters, wird gefasst und ins Gefängnis geworfen; nur um wieder freigelassen zu werden, nachdem er seine Verbrechen bekennt, bereut und sich für sie bei der Regierung entschuldigt. Jean Pierre erhält einen Brief von ihm, der nie geöffnet wird.

Jean Pierre tritt zum Islam über. Den christlichen Gott verdammt er. Zu viele Menschen verwesten in den Kirchen Ruandas. Der einzige Mensch, der seine Menschlichkeit bewahrte und Mut bewies, als das Land in Chaos und Blut ertrinkt ist ein Moslem. Musamiru ist zu seiner Familie geworden; nimmt die Plätze der Toten ein.

März 2004. Auf einer Wiese haben sich hunderte Menschen versammelt. Volkstribunale richten über mutmaßliche Massenmörder. Es wird gestritten ob und wer wie viele Menschen wann umgebracht hat. Jean Pierre beobachtet das Spektakel mit einem entrückten Lächeln. Rache? Lasst die Toten ruhen. Ich möchte nur, dass die Menschen, die mir meine Familie nahmen zu mir kommen und mir sagen, wie sie gestorben sind – persönlich.

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