Gastbeitrag: Hoffnung auf Frieden

Thursday, April 14th, 2005 | Gastbeiträge

Mein ehemaliger Mitbewohner, Carsten Stormer, ist im Kongo unterwegs. Einige Leser kenne vielleicht noch seine Berichte aus Afghanistan und aus dem Sudan. Hier eine Mail aus dem Kongo:

Eine Schlammwelle schießt durch das Zelt, der beißende Rauch der Lagerfeuer erfüllt die feuchte Luft. Es regnet seit Tagen in Strömen. Müll und menschliche Abfälle werden die Berghänge hinuntergespült. Dicht an dicht stehen tausende halbfertige Hütten und provisorische Unterkünfte aus Plastikplanen. Die Läufe von fünf schweren Maschinengewehren sind auf das Flüchtlingslager Tche gerichtet. Sie sollen 22.000 Flüchtlinge vom Stamm der Hema gegen die Lendu beschützen. Das Lager ist umgeben von feindlichen Milizen. Mit einem Angriff wird jederzeit gerechnet. Jeanette erträgt es mit stoischer Ruhe – sie hat schlimmeres erlebt. Das junge Mädchen wurde vergewaltigt, gedemütigt und als Geisel gehalten. Ihre halbe Familie wurde getötet. Jeanette ist fünfzehn und ihre Seele ist gebrochen.

Laut den Vereinten Nationen ist der Konflikt im Osten der Demokratischen Republik Kongo die größte humanitäre Katastrophe der Gegenwart. 16.000 Blauhelme versuchen Frieden in ein Land zu bringen, wo in den letzten fünf Jahren bis zu drei Millionen Menschen getötet wurden, 85.000 befinden sich auf der Flucht – es ist die größte UN Friedenmission weltweit. Am 1. April läuft das Ultimatum der MONUC, der Friedensmission der Vereinten Nationen im Kongo, ab. Sollten sich die Milizen bis dahin nicht freiwillig entwaffnet haben, will MONUC mit Waffengewalt gegen sie vorgehen.

27. Januar 2005. Die Kämpfe in Ituri nehmen an Heftigkeit zu. Der Tod kommt im Morgengrauen in das Dorf Kawa. Jeanette erntet gerade Kassava, als sie Schüsse hört. Augenblicke später sieht sie Front des Nationalistes es Intergrationnistes Milizen (FNI), vom Stamm der Lendu, auf sie zu rennen. Sie wird niedergeschlagen und in das Dorf Leiju verschleppt – ein Camp der FNI. Der Milizenchef, Commander Malo, nimmt Jeanette als Nebenfrau, vergewaltigt sie mehrmals täglich und droht sie zu töten, sollte sie es wagen zu fliehen oder seine Befehle zu verweigern.

Zwei Tage später landen die ersten MONUC Truppen in der Region. Den pakistanischen Soldaten bietet sich ein schreckliches Bild. Tausende sind auf der Flucht. Verstümmelte Kinder liegen blutend am Boden. Schwangere Frauen wurden vergewaltigt und angeschossen im Dickicht zurück gelassen. Den Flüchtenden wurde alles genommen, sogar die Kleidung. Die Soldaten richten ein provisorisches Flüchtlingslager ein und nennen es Tche. Mit Waffengewalt gehen die Blauhelme gegen die Milizen vor, schlagen sie zurück und befreien 1.500 Geiseln.

Eine Woche ist Jeanatte in Gefangenschaft, dann gelingt ihr die Flucht in den Busch. Nach Tagen in Angst erreicht sie das Flüchtlingslager Tche. Jeanette ist erschöpft, ausgehungert und sie steht unter Schock – sie hat alles verloren außer ihr Leben.

Noch zehn Tage bis zum Ultimatum. In dem Dorf Nizi nähern sich drei zerlumpte Gestalten mit erhobenen Armen dem pakistanischen Camp, die Kleider hängen ihnen in Fetzen vom Körper, Schuhe tragen sie keine. In ihren Händen halten sie alte, rostige Kalaschnikows. Sie wollen sich entwaffnen, wollen den Kampf aufgeben.

Fünfzig Dollar sowie die Aussicht auf Rehabilitation und einen Job bieten die Vereinten Nationen jedem, der bereit ist, sich zu entwaffnen. Die Anführer erhalten einen Posten als Oberst oder Hauptmann in der FRDC – der kongolesischen Armee. Nur die wenigsten müssen sich für Kriegsverbrechen verantworten. Der Plan der UNO: Macht und Einfluss sollen die Milizenführer überzeugen die Kämpfe einzustellen. Männer, die grausame Verbrechen begangen und Kindersoldaten zu solchen angestiftet haben, sollen für Sicherheit und Stabilität in Ituri sorgen – sollte es gelingen, ist es ein gekaufter Frieden. Die Maßnahme mag die Symptome der Krankheit heilen aber nicht die Ursache. Die Krankheit ist ethnischer Hass. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis die Kämpfer erneut entflammen. Laut Human Rights Watch werden jede Woche Hunderte Vergewaltigungen gemeldet. Zehntausende Frauen sollen schon vergewaltigt worden sein.

Das Angebot von MONUC ist Grund genug für Flori Loguama, seinen Beruf als Kindersoldat, illegaler Zolleintreiber, Plünderer und Vergewaltiger aufzugeben. -Ich habe fünf Frauen vergewaltigt und mehr als 15 Männer getötet.ì Er ist stolz darauf, er fühlt sich als Mann aber das Plündern wurde ihm auf Dauer zu anstrengend. Mit fünfzig Dollar kann man in Ituri eine Menge kaufen – Lebensmittel, Nutten, Alkohol und, wenn nötig, mehrere Kalaschnikows. Flori ist 14 Jahre alt.

Noch eine Woche bis zum Ultimatum. Major Irfan Hashini, vom 76. Punjab Batallion, bringt seinen Panzer zum Stehen. Seine Kolonne befindet sich auf den Weg nach Leiju, einem Milizencamp der FNI. Handzettel, die zur Entwaffnung aufrufen, sollen verteilt werden – Sensibilisierungsmission heißt dies im Jargon der UNO. Um Leiju herum liegen die Ruinen unzähliger verbrannter Hema Dörfer. Hunderte wurden hier vor wenigen Wochen abgeschlachtet und in die Flucht getrieben.

Im Busch befinden sich bewaffnete FNI Milizen. Die hohen Sträucher bieten idealen Schutz für einen Hinterhalt. Pakistanische Soldaten gehen in Stellung, schwere Maschinengewehre werden auf das Dickicht gerichtet. Die Anspannung ist den Soldaten deutlich anzumerken. Im Februar geriet ein Zug von bangladeschischen Soldaten in einen Hinterhalt. Neun Soldaten wurden massakriert, bei lebendigen Leib die Augen ausgestochen, Nase und Ohren abgetrennt, die Hände verbrannt. Innereien und die Gehirne der Opfer wurden aufgegessen. Kannibalismus hat in Ituri Tradition.

Doch die Milizen greifen nicht an. Sie ziehen die Flucht vor. Etwa 30 Kämpfer laufen mit Kalaschnikows und Panzerfäusten die Berghänge hinunter – zu groß ist die Feuerkraft der UNO Truppen.

Als die Kolonne Leiju erreicht, ist das Dorf menschenleer. Milizen und Zivilisten flohen in Panik in den Busch. Die Herdfeuer in den Hütten sind noch warm, auf einigen kocht noch immer das Mittagessen. Herrenlose Schweine laufen durch das verlassene Dorf. Handzettel werden verteilt, Hütten nach Waffen durchsucht. Nach einer Stunde wird Leiju wieder verlassen. “Mehr können wir nicht tun” meint Major Hashini. “Wir sollen Frieden bringen und keinen Krieg führen. Wir müssen auf den guten Willen und den Menschenverstand der Milizen hoffen.”

Noch vier Tage bis zum Ultimatum. Die Drohung der Vereinten Nationen scheint zu wirken. “Dreiviertel der Milizen haben ihre Waffen abgegeben. Hunderte kommen jeden Tag hinzu” sagt Rachel Eklou, Pressesprecherin von MONUC, im Hauptquartier der Provinzhauptstadt Bunia. Die Stadt ist hermetisch abgesichert. Marrokanische Soldaten patrouillieren durch die Stadt, betrunkene indische Soldaten beschützen das Hauptquartier. Die einstmals hart umkämpfte Stadt gilt als sicher.

Überall in der Region geben Milizen ihre Waffen ab, oftmals nur ein unbrauchbares, veraltetes Gewehr, nicht mehr als ein Stück rostiges Metall – Granaten, Mörser oder Panzerfäuste sind kaum dabei. Und dass die meisten Opfer mit Macheten in Stücke gehackt wurden, wird ignoriert – der Erfolg soll nicht geschmälert werden, denn nach den Prostitutionsskandal brauchen die Vereinten Nationen Erfolge. “Wir haben hier unser Leben riskiert und jetzt werden faule Kompromisse geschlossen.” Den Soldaten gelingt es nur schwer ihren Ärger zu verbergen.

“Wir benötigen mehr Zeit” sagt Colonel Raymond Kisali Moponda, Verteidigungsminister der FNI. “Wer hätte gedacht, dass die UNO ihre Drohung ernst meint, die letzten Jahre war es immer nur Gerede.” Und so hatten die Milizen freie Hand das Land und seine Bewohner zu vergewaltigen.

Letzter Tag. Ein UPC Kämpfer ergibt sich den UNO Truppen. Die pakistanischen Soldaten übergeben Tche an die FRDC. Die Nachricht hat sich auch im Flüchtlingslager herumgesprochen. Die Menschen im Tal sind besorgt und verängstigt – im Lager sind soeben die ersten Fälle von Cholera aufgetreten. -Es ist noch ein langer, beschwerlicher Weg zum Frieden- sagt ein pakistanischer Offizier.

Die Flüchtlinge vertrauen der schlecht ausgerüsteten und ausgebildeten, unterbezahlten Armee ihres Landes nicht, die Regierung in Kinsasa hat keinen Einfluss auf diesen Teil des Landes. “MONUC hat uns gerettet und beschützt – wer soll es tun, wenn die Pakistanis weg sind?”, fragt Jeanette mit zitternder Stimme. Neben ihr sitzt ein kleines Mädchen. Ein Machetenhieb hinterließ eine breite Narbe vom Mundwinkel bis zum Ohrläppchen. Die Lendus lachen nur über die Entwaffnung. Sie haben den Flüchtlingen schon gedroht: Ohne Gewehre werden sie auf die alte Taktik zurückgegriffen. Macheten können genauso effektiv sein wie Kalaschnikows – sobald MONUC abgezogen ist.

02. April 2005. Bangladeschische, Marokkanische, Pakistanische und Südafrikanische Soldaten nähern sich einem FRPI Milizencamp in Bolonzabo. Die FRPI hat sich bis zuletzt geweigert, freiwillig die Waffen abzugeben. Die Milizen eröffnen Feuer, MONUC Soldaten schießen zurück. Kampfhubschrauber geben aus der Luft Unterstützung. 18 Milizionäre werden getötet. Die Vereinten Nationen haben ihre Drohung war gemacht.

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