Nashörner in Bagdad

Friday, February 16th, 2007 | Allgemein, Irak

Einige erinnern sich vielleicht, ich habe mal mit Carsten Stormer zusammengewohnt und sein Leben hat etwas andere Formen als meines angenommen. Hier sein neuester Bericht aus Bagdad:

Nashörner in Bagdad
Von den Schwierigkeiten von einem amerikanischen Militärlager ins andere zu kommen.

Warten ist mühsam. In Bagdad wartet man lange, sehr lange – und sehr oft. Am Flughafen auf einen Helikopter, der um 14 Uhr abfliegen soll, zum Beispiel. Auf diesen freue ich mich seit sieben Stunden. Dass er eine Stunde früher abflog, diese Information hat man mir vorenthalten. Man erfährt es erst, wenn es schon zu spät ist. „Der Pilot war zu früh und wolle nicht warten“, heißt es um halb drei. „Werter Herr, hätte man da nicht Bescheid geben können?“, frage ich und rufe ein Schulterzucken hervor. Dass ich mir die Nacht auf harten Plastikstühlen um die Ohren geschlagen habe, nur, um diesen Vogel zu erwischen, das interessiert den netten Mann in Uniform nicht. Auch nicht, dass ich in die Grüne Zone muss, um meine Akkreditierung zu erhalten. „Dies war der letzte Hubschrauber, der in die Grüne Zone fliegt. Zumindest für heute. Sorry“, höre ich. Morgen? Ja, da gehe wieder einer. Wann? „Um 14 Uhr, wie immer.“ Aha.

„Nun machen Sie sich mal keine Sorgen, Sir. Alles kein Problem“, sagt der Soldat. „Nehmen Sie doch den ‚Rhino’.“ Den was? „Den R-H-I-N-O, Mann. Das ist ein gepanzerter Bus, der den Flughafen mit der Grünen Zone verbindet.“ Ach so. Also die kriegstaugliche Version eines Shuttlebusses, wie an jedem normalen Flughafen. Nur, dass dieser Bus am Wegesrand platzierte Bomben verträgt. Granaten und Panzerfäuste sowieso. Beruhigend. Egal, immer noch besser als Hubschrauber zu fliegen, denn die werden gerne abgeschossen. Fünf allein in den letzten zwei Wochen. Seit Ausbruch des Krieges waren es insgesamt fünfzig. Die Aufständischen sollen eine neue, „hoch entwickelte Waffe“ benutzen, las ich in Stars and Stripes. Also ab in den Bus.

„Rhino“, die englische Abkürzung für Nashorn. Ich stelle mir ein dickes, graues Gefährt vor – vielleicht mit einem Horn vorne an der Windschutzscheibe. Nur, wo fährt er ab und wie komme ich dorthin? Gibt es Bushaltestellen? Muss ich laufen? Per Anhalter fahren? Verdammt, kann mir mal einer helfen!
„Ach“, sagt der freundliche Soldat, der mir nicht Bescheid gab, dass sich der Flugplan geändert hat. „Das ist ganz einfach. Mit dem Bus nach Camp Stryker, umsteigen, und dann weiter nach Camp Liberty.“
Und wann fährt der Rhino ab?
„Keine Ahnung, Mann. Auf Wiedersehen.“
Danke, und wo zum Teufel sind Liberty und Stryker?

Alles leichter, als gedacht. Gleich vor dem Hangar ist eine Bushaltestelle. Nach nur einer Stunde kommt schon ein Bus. In Camp Stryker steige ich um nach Liberty. Am Himmel kreisen Kampfhubschrauber und ich bilde mir ein, Maschinengewehrfeuer zu hören. Warum auch nicht, immerhin ist das hier Bagdad. Am Fenster ziehen einige von Saddams Palästen vorbei. Groß und prächtig, manche sogar mit künstlich angelegten Seen. Wow! Ich muss an Sheherazade denken, dem Mädel aus 1001 Nacht.

In Camp Liberty erfahre ich, dass der „Rhino“ hier gar nicht abfahre. „Dafür müssen Sie nach Camp Stryker. Hat man Ihnen das nicht gesagt?“ Aber ob ich nicht einen Kaffee möchte, solange ich auf den Bus warte. Sehr freundlich diese Amerikaner. Nur etwas planlos wirkt der Informationsfluss. Ob man mir denn verraten könne, wann der Rhino abfährt. Nö, das könne man leider nicht. Noch nen Kaffee?

Also wieder zurück nach Camp Stryker. Von dem Bus, den ich nehmen sollte, sah ich nur noch die Rücklichter. Er kam, sah und fuhr zu früh ab. Großartig, dann kann ich mir die Zeit noch ein wenig mit Warten vertreiben. Ich komme mir inzwischen ein bisschen albern vor, mit schusssicherer Weste, Helm und zwei Rucksäcken von Lager zu Lager zu hetzen.

20 Uhr. Ziel erreicht. Hier hätte ich schon vor drei Stunden sein können. Ich bin mir sicher, dass ich den Nashorn-Bus verpasst habe. Nee, der fahre erst zwischen 23 und drei Uhr ab, sagt man mir. Genauer gehe es leider nicht. Na, endlich eine Aussage, mit der etwas anfangen kann. Zum Glück bin ich zu früh da.

1 Comment to Nashörner in Bagdad

[...] Diesmal schreibt Carsten aus Faludscha: [...]

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