Gastbeiträge

Gastbeitrag: Hoffnung auf Frieden

Thursday, April 14th, 2005 | Gastbeiträge | No Comments

Mein ehemaliger Mitbewohner, Carsten Stormer, ist im Kongo unterwegs. Einige Leser kenne vielleicht noch seine Berichte aus Afghanistan und aus dem Sudan. Hier eine Mail aus dem Kongo:

Eine Schlammwelle schießt durch das Zelt, der beißende Rauch der Lagerfeuer erfüllt die feuchte Luft. Es regnet seit Tagen in Strömen. Müll und menschliche Abfälle werden die Berghänge hinuntergespült. Dicht an dicht stehen tausende halbfertige Hütten und provisorische Unterkünfte aus Plastikplanen. Die Läufe von fünf schweren Maschinengewehren sind auf das Flüchtlingslager Tche gerichtet. Sie sollen 22.000 Flüchtlinge vom Stamm der Hema gegen die Lendu beschützen. Das Lager ist umgeben von feindlichen Milizen. Mit einem Angriff wird jederzeit gerechnet. Jeanette erträgt es mit stoischer Ruhe – sie hat schlimmeres erlebt. Das junge Mädchen wurde vergewaltigt, gedemütigt und als Geisel gehalten. Ihre halbe Familie wurde getötet. Jeanette ist fünfzehn und ihre Seele ist gebrochen.
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Gastbeitrag: 75 Tage Todesangst

Monday, April 11th, 2005 | Gastbeiträge | No Comments

Mein ehemaliger Mitbewohner, Carsten Stormer, ist im Kongo unterwegs. Einige Leser kenne vielleicht noch seine Berichte aus Afghanistan und aus dem Sudan. Hier eine Mail aus dem Kongo:

Sechs Tage ist Jean Pierre auf der Flucht. Vier Tage versteckte er sich auf dem Dachboden eines Kongolesen; dann wird es auch dort zu gefährlich. Kigalis Strassen sind verstopft mit den Leichen ermordeter Tutsis. Jean Pierre sieht, wie auf dem Bürgersteig eine Frau vergewaltigt wird. Neben ihr schlitzt ein Mann den Bauch ihres Sohns mit einer Machete auf; die Frau muss zusehen, wie ihr Kind stirbt. Als der Todeskampf zu Ende ist, wird der Mutter mit einer Machete der Kopf abgetrennt. Der Mob beginnt zu singen.

Obwohl es in dieser Nacht regnet befinden sich tausende auf den Strassen. Mörder jagen ihre Opfer und der Asphalt ist glitschig von Regen und Blut. Jean Pierre kämpft gegen den Drang an zu rennen, dies wäre sein Todesurteil denn Jean Pierre gehört zum Stamm der Tutsi. Er hat Glück, denn er befindet sich im muslimischen Viertel Kigalis; hier kennt ihn keiner. In einem Garten sieht er seine letzte Rettung; einen Abwasserschacht von etwa einem Meter Durchmesser. Zeit zum Überlegen hat er keine. Er springt und fällt.

Es ist der 6. April 1994. Als Jean Pierre das brennende Flugzeug am Himmel sieht weiß er, dass der Tod nach Ruanda kommt. Jean Pierre sitzt gerade mit Freunden beim Abendessen. Wenige Minuten später ist im Radio die Nachricht zu hören, dass die Maschine des Präsidenten. Fast zeitgleich mobilisiert sich eine inoffizielle Milizengruppe, die Interahmwe, angestachelt durch Radio Propaganda und der Leibgarde des Präsidenten. Über Lautsprecher hört Jean Pierre, wie gewöhnliche Hutus aufgefordert werden ihre Freunde und Nachbarn zu ermorden. Die, mit denen er gegessen hat werden die nächsten Tage nicht überleben.
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Gastbeitrag: Brüderchen und Schwesterchen

Sunday, April 10th, 2005 | Gastbeiträge | No Comments

Mein ehemaliger Mitbewohner, Carsten Stormer, ist im Kongo unterwegs. Einige Leser kenne vielleicht noch seine Berichte aus Afghanistan und aus dem Sudan. Hier eine Mail aus dem Kongo:

Kaba ist seit Stunden auf der Flucht. Ob seine kleine Schwester lebt oder wo sie ist, weiß er nicht; er hat sie bei dem Angriff auf sein Dorf aus den Augen verloren. Aber er kennt das Schicksal seiner Eltern.

Am Morgen des 27. Januar 2005, kommt der Tod nach Kawa. Die Mutter wird von einer Kugel in den Rücken getroffen und mit einer Machete in Stücke gehackt. Dem Vater wird die Kehle durchgeschnitten. In ihrem Blutrausch sehen die Mörder den zitternden Jungen nicht, der sich halb tot vor Angst in einen dunklen Winkel der Hütte presst. Kaba überlebt, weil er sich unter dem sterbenden Körper seines Vaters versteckt. Das Blut des Vaters läuft über ihn und verkrustet langsam auf seiner Haut und seinen Kleidern. Die Milizen, die das Dorf Kawa überfielen, es plünderten, die Bewohner ermordeten und die Frauen vergewaltigten, halten den Jungen für tot. Kaba ist 14 Jahre alt.

Onarin ist sieben Jahre alt. Als die Schüsse fallen und die ersten Menschen getroffen zu Boden sinken bleibt sie wie angewurzelt stehen und beginnt zu schreien. Sie will zu ihren Eltern laufen doch fremde Männer mit Macheten und Gewehren dringen in ihre Hütte ein. Im gleichen Augenblick hört sie aus dem Haus gellende Schreie; es sind die Todesschreie ihres Vaters und Bruders. Die Mutter liegt blutüberströmt vor der Hütte. Ein Mann schneidet ihr gerade mit einem langen Messer den Bauch auf. Die Bilder werden sich für immer in ihr Gedächtnis einbrennen. Ein Mann rennt auf sie zu, hebt das schreiende Kind auf und läuft mit ihr in den Busch; in Sicherheit. Onarin ist Kabas Schwester. Beide haben überlebt und beide halten den anderen für tot.

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Als Kriegsreporter unterwegs

Saturday, April 9th, 2005 | Gastbeiträge | No Comments

Ich habe hier ja von Zeit zu Zeit schon einige Berichte von Carsten Stormer gebracht (Afghanistan, Sudan), hier nun ein paar Bilder. Zur Zeit ist er im Kongo, nachdem er vorher in Ruanda war. Ein Bericht von ihm findet sich heute in der taz. In den nächsten Tagen kommen hier auch noch andere Berichte von ihm.

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Humanität als Opfer der Bürokratie

Tuesday, February 15th, 2005 | Gastbeiträge | No Comments

Mein ehemaliger Mitbewohner, Carsten Stormer, ist im Sudan unterwegs gewesen. Einige ältere Leser kenne vielleicht noch seine Berichte aus Afghanistan. Hier eine weitere Mail aus dem Sudan:

Die junge Frau vom Stamm der Zhagawa hockt vor einem winzigen Feuer. Neben ihr kauern drei kleine Kinder – in zerrissenen T-Shirts und Shorts und drängen sie sich dicht an ihre Mutter. Je kleiner die Flammen werden, desto näher rücken sie an die wärmende Glut. Über dem Feuer kocht in einem alten Kessel Tee – Tee wärmt und er wird das einzig Warme sein, das die Frau und ihre Kinder vor einer kalten Nacht zu sich nehmen werden. Die Hirse in dem Jutesack reicht nur noch für wenige Tage – und nur für eine Mahlzeit am Tag. Ein eisiger Nachtwind facht das Feuer an und lässt die dünnen Zweige schneller abbrennen. Knochige Hände an dünnen Armen strecken sich dem wärmenden Feuer entgegen. Die Flammen züngeln und tanzen zwischen den Fingern. In den knorrigen Ästen eines Baumes hängt ein weiterer Topf – außer einer Decke, dem Jutesack und einer Strohmatte ist dies der einzige Besitz, den sie in Darfur mit auf die Flucht nehmen konnten. Mutter und Kinder starren in die Glut, als könnten sie in ihr lesen, was der nächste Tag bringt. Sie lauschen dem Knistern, als könnte es ihnen sagen, wann sie wieder etwas zu Essen bekommen.

Die Flammen des Feuers werden kleiner, immer kleiner bis auch die letzte Glut erlischt. In wenigen Minuten werden die Kinder zu weinen und zu schreien beginnen; wenn der eisige Nachtwind, die letzte Wärme aus den ausgezehrten Körpern getrieben hat. Die Kleinsten spüren es zuerst – ein Zittern, das in den Fußspitzen beginnt und dann den ganzen Körper erfasst, bis dieser unkontrolliert zu beben beginnt. Ein hungriger Körper leidet eher unter der Kälte – aber dafür umso stärker. Das Weinen wird bis zum Sonnenaufgang andauern, oder bis die Kehlen heiser geschrieen sind – wie verlorene Lämmer, die ihre Mütter nicht mehr finden. „Morgen“, sagt die junge Frau. „Morgen kommt jemand, um uns zu registrieren.“ Sie ist sich sicher – seit Tagen schon.

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Auf nach Khartum

Tuesday, February 15th, 2005 | Gastbeiträge | No Comments

Mein ehemaliger Mitbewohner, Carsten Stormer, ist im Sudan unterwegs gewesen. Einige ältere Leser kenne vielleicht noch seine Berichte aus Afghanistan. Hier eine Mail aus dem Sudan:

In einer der wenigen nicht zerstörten Hütten in dem Dorf Farawija in Nord Darfur sitzt Adam Ibrahim, Angehöriger des Stammes der Zhawaga. Auf seinem Schoß liegt eine Panzerfaust, hinter ihm stehen – ordentlich aufgereiht – Dutzende Kalaschnikows und G3 Sturmgewehre. Am Boden liegen einige Handgranaten und Bajonette. „S.L.A“, ruft der 23jährige und klopft sich mit der Faust auf die Brust. Er trägt einen gelben Turban über seiner Rastafrisur. Um seinen Hals, Oberkörper und Hüfte baumeln an Kordeln und Schnüren aufgereihte Lederbeutel, die mit Koransuren gefüllt sind – die Hijabs. Adam glaubt, dass diese Lederbeutel ihn vor den Kugeln seiner Feinde beschützen werden. Er zeigt auf die Waffen: „Die haben wir alle den Regierungstruppen abgenommen“, sagt er und klopft sich wieder stolz auf die Brust. „S.L.A“

Vor sechs Monaten flog die sudanesische Armee einen Angriff auf Adam’s Dorf. Dabei kamen seine Mutter, seine Schwester und sein Onkel ums Leben. Seitdem kämpft auf der Seite der Sudanese Liberation Army (SLA), einer der vielen Rebellengruppen. Äußerlich sind die SLA Kämpfer von anderen afrikanischen Rebellen kaum zu unterscheiden – sie tragen Turban, Ray Ban Spiegelbrille und Muskelshirts unter den Kaftanen. „Wir kämpfen für Frieden und die Gleichberechtigung der afrikanischen Stämme in Darfur“, sagt Adam voller Überzeugung – doch es klingt nach einer einstudierten Phrase.

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