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	<title>Treehuggin' pussy &#187; Gastbeiträge</title>
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	<description>Woher soll ich wissen, was ich denke, bevor ich lese, was ich schreibe?</description>
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		<title>Gastbeitrag: Hoffnung auf Frieden</title>
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		<pubDate>Thu, 14 Apr 2005 07:04:19 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Malte Diedrich</dc:creator>
				<category><![CDATA[Gastbeiträge]]></category>

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		<description><![CDATA[Mein ehemaliger Mitbewohner, Carsten Stormer, ist im Kongo unterwegs. Einige Leser kenne vielleicht noch seine Berichte aus Afghanistan und aus dem Sudan. Hier eine Mail aus dem Kongo:
Eine Schlammwelle schie&#223;t durch das Zelt, der bei&#223;ende Rauch der Lagerfeuer erf&#252;llt die feuchte Luft. Es regnet seit Tagen in Str&#246;men. M&#252;ll und menschliche Abf&#228;lle werden die Bergh&#228;nge [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Mein ehemaliger Mitbewohner, Carsten Stormer, ist im Kongo unterwegs. Einige Leser kenne vielleicht noch seine Berichte aus <a href="http://www.treehugginpussy.de/category/gastbeitrage/afghanistan/">Afghanistan</a> und aus dem <a href="http://www.treehugginpussy.de/category/gastbeitrage/sudan/">Sudan</a>. Hier eine Mail aus dem Kongo:</p>
<p>Eine Schlammwelle schie&#223;t durch das Zelt, der bei&#223;ende Rauch der Lagerfeuer erf&#252;llt die feuchte Luft. Es regnet seit Tagen in Str&#246;men. M&#252;ll und menschliche Abf&#228;lle werden die Bergh&#228;nge hinuntergesp&#252;lt. Dicht an dicht stehen tausende halbfertige H&#252;tten und provisorische Unterk&#252;nfte aus Plastikplanen. Die L&#228;ufe von f&#252;nf schweren Maschinengewehren sind auf das Fl&#252;chtlingslager Tche gerichtet. Sie sollen 22.000 Fl&#252;chtlinge vom Stamm der Hema gegen die Lendu besch&#252;tzen. Das Lager ist umgeben von feindlichen Milizen. Mit einem Angriff wird jederzeit gerechnet. Jeanette ertr&#228;gt es mit stoischer Ruhe &#8211; sie hat schlimmeres erlebt. Das junge M&#228;dchen wurde vergewaltigt, gedem&#252;tigt und als Geisel gehalten. Ihre halbe Familie wurde get&#246;tet. Jeanette ist f&#252;nfzehn und ihre Seele ist gebrochen.<br />
<span id="more-1175"></span><br />
Laut den Vereinten Nationen ist der Konflikt im Osten der Demokratischen Republik Kongo die gr&#246;&#223;te humanit&#228;re Katastrophe der Gegenwart. 16.000 Blauhelme versuchen Frieden in ein Land zu bringen, wo in den letzten f&#252;nf Jahren bis zu drei Millionen Menschen get&#246;tet wurden, 85.000 befinden sich auf der Flucht &#8211; es ist die gr&#246;&#223;te UN Friedenmission weltweit. Am 1. April l&#228;uft das Ultimatum der MONUC, der Friedensmission der Vereinten Nationen im Kongo, ab. Sollten sich die Milizen bis dahin nicht freiwillig entwaffnet haben, will MONUC mit Waffengewalt gegen sie vorgehen.</p>
<p>27. Januar 2005. Die K&#228;mpfe in Ituri nehmen an Heftigkeit zu. Der Tod kommt im Morgengrauen in das Dorf Kawa. Jeanette erntet gerade Kassava, als sie Sch&#252;sse h&#246;rt. Augenblicke sp&#228;ter sieht sie Front des Nationalistes es Intergrationnistes Milizen (FNI), vom Stamm der Lendu, auf sie zu rennen. Sie wird niedergeschlagen und in das Dorf Leiju verschleppt &#8211; ein Camp der FNI. Der Milizenchef, Commander Malo, nimmt Jeanette als Nebenfrau, vergewaltigt sie mehrmals t&#228;glich und droht sie zu t&#246;ten, sollte sie es wagen zu fliehen oder seine Befehle zu verweigern.</p>
<p>Zwei Tage sp&#228;ter landen die ersten MONUC Truppen in der Region. Den pakistanischen Soldaten bietet sich ein schreckliches Bild. Tausende sind auf der Flucht. Verst&#252;mmelte Kinder liegen blutend am Boden. Schwangere Frauen wurden vergewaltigt und angeschossen im Dickicht zur&#252;ck gelassen. Den Fl&#252;chtenden wurde alles genommen, sogar die Kleidung. Die Soldaten richten ein provisorisches Fl&#252;chtlingslager ein und nennen es Tche. Mit Waffengewalt gehen die Blauhelme gegen die Milizen vor, schlagen sie zur&#252;ck und befreien 1.500 Geiseln.</p>
<p>Eine Woche ist Jeanatte in Gefangenschaft, dann gelingt ihr die Flucht in den Busch. Nach Tagen in Angst erreicht sie das Fl&#252;chtlingslager Tche. Jeanette ist ersch&#246;pft, ausgehungert und sie steht unter Schock &#8211; sie hat alles verloren au&#223;er ihr Leben.</p>
<p>Noch zehn Tage bis zum Ultimatum. In dem Dorf Nizi n&#228;hern sich drei zerlumpte Gestalten mit erhobenen Armen dem pakistanischen Camp, die Kleider h&#228;ngen ihnen in Fetzen vom K&#246;rper, Schuhe tragen sie keine. In ihren H&#228;nden halten sie alte, rostige Kalaschnikows. Sie wollen sich entwaffnen, wollen den Kampf aufgeben.</p>
<p>F&#252;nfzig Dollar sowie die Aussicht auf Rehabilitation und einen Job bieten die Vereinten Nationen jedem, der bereit ist, sich zu entwaffnen. Die Anf&#252;hrer erhalten einen Posten als Oberst oder Hauptmann in der FRDC &#8211; der kongolesischen Armee. Nur die wenigsten m&#252;ssen sich f&#252;r Kriegsverbrechen verantworten. Der Plan der UNO: Macht und Einfluss sollen die Milizenf&#252;hrer &#252;berzeugen die K&#228;mpfe einzustellen. M&#228;nner, die grausame Verbrechen begangen und Kindersoldaten zu solchen angestiftet haben, sollen f&#252;r Sicherheit und Stabilit&#228;t in Ituri sorgen &#8211; sollte es gelingen, ist es ein gekaufter Frieden. Die Ma&#223;nahme mag die Symptome der Krankheit heilen aber nicht die Ursache. Die Krankheit ist ethnischer Hass. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis die K&#228;mpfer erneut entflammen. Laut Human Rights Watch werden jede Woche Hunderte Vergewaltigungen gemeldet. Zehntausende Frauen sollen schon vergewaltigt worden sein.</p>
<p>Das Angebot von MONUC ist Grund genug f&#252;r Flori Loguama, seinen Beruf als Kindersoldat, illegaler Zolleintreiber, Pl&#252;nderer und Vergewaltiger aufzugeben. -Ich habe f&#252;nf Frauen vergewaltigt und mehr als 15 M&#228;nner get&#246;tet.&#236; Er ist stolz darauf, er f&#252;hlt sich als Mann aber das Pl&#252;ndern wurde ihm auf Dauer zu anstrengend. Mit f&#252;nfzig Dollar kann man in Ituri eine Menge kaufen &#8211; Lebensmittel, Nutten, Alkohol und, wenn n&#246;tig, mehrere Kalaschnikows. Flori ist 14 Jahre alt.</p>
<p>Noch eine Woche bis zum Ultimatum. Major Irfan  Hashini, vom 76. Punjab Batallion, bringt seinen Panzer zum Stehen. Seine Kolonne befindet sich auf den Weg nach Leiju, einem Milizencamp der FNI. Handzettel, die zur Entwaffnung aufrufen, sollen verteilt werden &#8211; Sensibilisierungsmission hei&#223;t dies im Jargon der UNO. Um Leiju herum liegen die Ruinen unz&#228;hliger verbrannter Hema D&#246;rfer. Hunderte wurden hier vor wenigen Wochen abgeschlachtet und in die Flucht getrieben.</p>
<p>Im Busch befinden sich bewaffnete FNI Milizen. Die hohen Str&#228;ucher bieten idealen Schutz f&#252;r einen Hinterhalt. Pakistanische Soldaten gehen in Stellung, schwere Maschinengewehre werden auf das Dickicht gerichtet. Die Anspannung ist den Soldaten deutlich anzumerken. Im Februar geriet ein Zug von bangladeschischen Soldaten in einen Hinterhalt. Neun Soldaten wurden massakriert, bei lebendigen Leib die Augen ausgestochen, Nase und Ohren abgetrennt, die H&#228;nde verbrannt. Innereien und die Gehirne der Opfer wurden aufgegessen. Kannibalismus hat in Ituri Tradition.</p>
<p>Doch die Milizen greifen nicht an. Sie ziehen die Flucht vor. Etwa 30 K&#228;mpfer laufen mit Kalaschnikows und Panzerf&#228;usten die Bergh&#228;nge hinunter &#8211; zu gro&#223; ist die Feuerkraft der UNO Truppen.</p>
<p>Als die Kolonne Leiju erreicht, ist das Dorf menschenleer. Milizen und Zivilisten flohen in Panik in den Busch. Die Herdfeuer in den H&#252;tten sind noch warm, auf einigen kocht noch immer das Mittagessen. Herrenlose Schweine laufen durch das verlassene Dorf. Handzettel werden verteilt, H&#252;tten nach Waffen durchsucht. Nach einer Stunde wird Leiju wieder verlassen. &#8220;Mehr k&#246;nnen wir nicht tun&#8221; meint Major Hashini. &#8220;Wir sollen Frieden bringen und keinen Krieg f&#252;hren. Wir m&#252;ssen auf den guten Willen und den Menschenverstand der Milizen hoffen.&#8221;</p>
<p>Noch vier Tage bis zum Ultimatum. Die Drohung der Vereinten Nationen scheint zu wirken. &#8220;Dreiviertel der Milizen haben ihre Waffen abgegeben. Hunderte kommen jeden Tag hinzu&#8221; sagt Rachel Eklou, Pressesprecherin von MONUC,  im Hauptquartier der Provinzhauptstadt Bunia.  Die Stadt ist hermetisch abgesichert. Marrokanische Soldaten patrouillieren durch die Stadt, betrunkene indische Soldaten besch&#252;tzen das Hauptquartier. Die einstmals hart umk&#228;mpfte Stadt gilt als sicher.</p>
<p>&#220;berall in der Region geben Milizen ihre Waffen ab, oftmals nur ein unbrauchbares, veraltetes Gewehr, nicht mehr als ein St&#252;ck rostiges Metall &#8211; Granaten, M&#246;rser oder Panzerf&#228;uste sind kaum dabei. Und dass die meisten Opfer mit Macheten in St&#252;cke gehackt wurden, wird ignoriert &#8211; der Erfolg soll nicht geschm&#228;lert werden, denn nach den Prostitutionsskandal brauchen die Vereinten Nationen Erfolge. &#8220;Wir haben hier unser Leben riskiert und jetzt werden faule Kompromisse geschlossen.&#8221; Den Soldaten gelingt es nur schwer ihren &#196;rger zu verbergen.</p>
<p>&#8220;Wir ben&#246;tigen mehr Zeit&#8221; sagt Colonel Raymond Kisali Moponda, Verteidigungsminister der FNI. &#8220;Wer h&#228;tte gedacht, dass die UNO ihre Drohung ernst meint, die letzten Jahre war es immer nur Gerede.&#8221; Und so hatten die Milizen freie Hand das Land und seine Bewohner zu vergewaltigen.</p>
<p>Letzter Tag. Ein UPC K&#228;mpfer ergibt sich den UNO Truppen. Die pakistanischen Soldaten &#252;bergeben Tche an die FRDC. Die Nachricht hat sich auch im Fl&#252;chtlingslager herumgesprochen. Die Menschen im Tal sind besorgt und ver&#228;ngstigt &#8211; im Lager sind soeben die ersten F&#228;lle von Cholera aufgetreten. -Es ist noch ein langer, beschwerlicher Weg zum Frieden- sagt ein pakistanischer Offizier.</p>
<p>Die Fl&#252;chtlinge vertrauen der schlecht ausger&#252;steten und ausgebildeten, unterbezahlten Armee ihres Landes nicht, die Regierung in Kinsasa hat keinen Einfluss auf diesen Teil des Landes. &#8220;MONUC hat uns gerettet und besch&#252;tzt &#8211; wer soll es tun, wenn die Pakistanis weg sind?&#8221;, fragt Jeanette mit zitternder Stimme. Neben ihr sitzt ein kleines M&#228;dchen. Ein Machetenhieb hinterlie&#223; eine breite Narbe vom Mundwinkel bis zum Ohrl&#228;ppchen. Die Lendus lachen nur &#252;ber die Entwaffnung. Sie haben den Fl&#252;chtlingen schon gedroht: Ohne Gewehre werden sie auf die alte Taktik zur&#252;ckgegriffen. Macheten k&#246;nnen genauso effektiv sein wie Kalaschnikows &#8211; sobald MONUC abgezogen ist.</p>
<p>02. April 2005. Bangladeschische, Marokkanische, Pakistanische und S&#252;dafrikanische Soldaten n&#228;hern sich einem FRPI Milizencamp in Bolonzabo. Die FRPI hat sich bis zuletzt geweigert, freiwillig die Waffen abzugeben. Die Milizen er&#246;ffnen Feuer, MONUC Soldaten schie&#223;en zur&#252;ck. Kampfhubschrauber geben aus der Luft Unterst&#252;tzung. 18 Milizion&#228;re werden get&#246;tet. Die Vereinten Nationen haben ihre Drohung war gemacht.</p>
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		<title>Gastbeitrag: 75 Tage Todesangst</title>
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		<pubDate>Mon, 11 Apr 2005 05:06:27 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Malte Diedrich</dc:creator>
				<category><![CDATA[Gastbeiträge]]></category>

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		<description><![CDATA[Mein ehemaliger Mitbewohner, Carsten Stormer, ist im Kongo unterwegs. Einige Leser kenne vielleicht noch seine Berichte aus Afghanistan und aus dem Sudan. Hier eine Mail aus dem Kongo:
Sechs Tage ist Jean Pierre auf der Flucht. Vier Tage versteckte er sich auf dem Dachboden eines Kongolesen; dann wird es auch dort zu gefährlich. Kigalis Strassen sind [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Mein ehemaliger Mitbewohner, Carsten Stormer, ist im Kongo unterwegs. Einige Leser kenne vielleicht noch seine Berichte aus <a href="http://www.treehugginpussy.de/category/gastbeitrage/afghanistan/">Afghanistan</a> und aus dem <a href="http://www.treehugginpussy.de/category/gastbeitrage/sudan/">Sudan</a>. Hier eine Mail aus dem Kongo:</p>
<p>Sechs Tage ist Jean Pierre auf der Flucht. Vier Tage versteckte er sich auf dem Dachboden eines Kongolesen; dann wird es auch dort zu gefährlich. Kigalis Strassen sind verstopft mit den Leichen ermordeter Tutsis. Jean Pierre sieht, wie auf dem Bürgersteig eine Frau vergewaltigt wird. Neben ihr schlitzt ein Mann den Bauch ihres Sohns mit einer Machete auf; die Frau muss zusehen, wie ihr Kind stirbt. Als der Todeskampf zu Ende ist, wird der Mutter mit einer Machete der Kopf abgetrennt. Der Mob beginnt zu singen.</p>
<p>Obwohl es in dieser Nacht regnet befinden sich tausende auf den Strassen. Mörder jagen ihre Opfer und der Asphalt ist glitschig von Regen und Blut. Jean Pierre kämpft gegen den Drang an zu rennen, dies wäre sein Todesurteil denn Jean Pierre gehört zum Stamm der Tutsi. Er hat Glück, denn er befindet sich im muslimischen Viertel Kigalis; hier kennt ihn keiner. In einem Garten sieht er seine letzte Rettung; einen Abwasserschacht von etwa einem Meter Durchmesser. Zeit zum Überlegen hat er keine. Er springt und fällt.</p>
<p>Es ist der 6. April 1994. Als Jean Pierre das brennende Flugzeug am Himmel sieht weiß er, dass der Tod nach Ruanda kommt. Jean Pierre sitzt gerade mit Freunden beim Abendessen. Wenige Minuten später ist im Radio die Nachricht zu hören, dass die Maschine des Präsidenten. Fast zeitgleich mobilisiert sich eine inoffizielle Milizengruppe, die Interahmwe, angestachelt durch Radio Propaganda und der Leibgarde des Präsidenten. Über Lautsprecher hört Jean Pierre, wie gewöhnliche Hutus aufgefordert werden ihre Freunde und Nachbarn zu ermorden. Die, mit denen er gegessen hat werden die nächsten Tage nicht überleben.<br />
<span id="more-1172"></span><br />
Ethnische Spannungen zwischen Hutus und Tutsis sind nichts Neues in Ruanda. Jean Pierre ist sich Sicher, dass auch diese Welle der Gewalt bald zu Ende geht. Wer hätte auch ahnen können, dass über 800.000 Tutsis in den nächsten zwei Monaten von Macheten schwingenden Straßenkindern und marodierenden Soldaten abgeschlachtet würden. Und wer hätte ahnen können, dass die Welt dem grausamen Völkermord zusehen würde.</p>
<p>Das Wasser steht ihm bis zur Hüfte; es rettet ihm bei dem Sturz das Leben und es kann zu seinem Grab werden. Er ist umgeben von Dunkelheit, nur ein schwacher Lichtschein am Ende des Schachts ist zu sehen; elf Meter über ihm. Im Schacht verschwimmt der Tag zur Nacht, Sekunden werden zu Stunden, ein Tag fühlt sich an wie ein Jahr. Die erste Nacht verbringt er stehend. Das Wasser kühlt ihn aus. Sein Körper beginnt unkontrolliert zu zittern. Er ist sich sicher, dass er die Nacht nicht überleben wird; bestimmt hat ihn jemand springen sehen. Und falls nicht, wird er langsam verrotten.</p>
<p>Es musste inzwischen ein Tag vergangen sein, als das Päckchen mit Bananen und Reis auf seinen Kopf fällt. Ein Kanister mit Wasser folgt an einem Seil. Der Schacht ist breit genug, um in die Hocke zu gehen. Als die Schmerzen in Rücken und Knien kaum noch zu ertragen sind und der Hunger in seinem Magen brennt, fällt das nächste Päckchen herunter; gefolgt von einer Strickleiter. Eine Stunde braucht er, bis seine klammen Hände und steifen Beine die letzte Sprosse erreichen. Zwei Hände packen ihn unter den Armen und ziehen ihn aus seinem Gefängnis. Jean Pierre schließt die Augen und wartet darauf, dass eine Machete in sein Fleisch fährt.</p>
<p>Doch er ist zum Leben verdammt. Er öffnet die Augen und sieht zum ersten Mal in das Gesicht des Mannes, dem er sein Leben verdankt. Sein Name ist Musamiru; ein Moslem. Jean Pierre bleibt eine Stunde in Freiheit. Im Haus kann er sich nicht verstecken; inzwischen werden alle 20 Minuten die Häuser durchsucht und viele Moslems wurden getötet, weil sie flüchtende Tutsis versteckt hatten. Er hat gerade genug Zeit, um seinen geschundenen, leblosen und tauben Körper ein wenig Leben einzuhauchen. Währenddessen erzählt Musamiru von den anhaltenden Massenmorden, dass die UNO Truppen das Land verlassen haben und dass die afrikanischen Nachbarn und die ganze Welt zusieht, wie Ruanda in Blut und Tränen ertrinkt; dann muss er wieder zurück in die kalte, feuchte Dunkelheit.</p>
<p>Wann immer es geht wirft Musamiru etwas zu Essen ins Loch; manchmal dreimal die Woche, manchmal nur einmal. Immer nachts. Bloß nicht von misstrauischen Nachbarn beobachtet werden. Bloß nicht auffallen. Es hätte für beide das Todesurteil bedeutet. Warum Musamiru hilft bleibt sein Geheimnis. Der Kanister mit Wasser muss wochenlang halten. Nach einigen Tagen ist es abgestanden und brackig. Im Loch stinkt es erbärmlich und bald steht, sitzt und schläft er in seiner eigenen Scheiße.</p>
<p>Die Träume; am Tag oder in der Nacht sind immer die gleichen; ein lachender und singender Mob hackt ihn langsam in Stücke. Seine verwundete Seele wird langsam vom Wahnsinn aufgefressen.</p>
<p>Das Geräusch einschlagender Granaten kommt immer näher. Truppen der Rwandan Patriotic Front (RPF); Tutsis; rücken aus den angrenzenden Bergen in die Stadt vor. Doch in seinem Verlies kann er immer noch den Gesang des mordenden Mobs hören; das Schlachten geht weiter. Jean Pierre kann nur anhand Musamirus Erzählungen erahnen, was sich in der Stadt abspielt. Sein sehnlichster Wunsch: Eine Granate soll sein Loch treffen und die Qualen beenden. Sein Flehen wird nicht erhört und nach 75 Tagen wird die Strickleiter zum letzten Mal in das Loch herunter gelassen.</p>
<p>Doch nicht Musamiru steht vor ihm. Stattdessen starrt der vor Schmutz starrende, stinkende, abgemagerte Mann in die Gesichter bewaffneter Soldaten. Er hat gesehen, was Macheten anrichten können. Mit der letzten Anstrengung seiner schwindenden Kräfte wirft er auf einen Soldaten mit einer Kalaschnikow. Er kann Freund von Feind nicht mehr unterscheiden, will, dass eine Kugel sein Leben beendet. Schnell sterben, nur nicht leiden. Doch die Kraft reicht nicht mehr. Jean Pierre wiegt nur noch 45 Kilo. 65 Kilo hat er in den letzten zehn Wochen verloren.</p>
<p>Halb blind und wahnsinnig von Dunkelheit, Hunger und Terror bricht er zusammen. Erst als ihn Soldaten stützen und ihm frisches Wasser bringen dämmert es ihm, dass er gerettet ist. Für die hundert Meter vom Abwasserschacht bis zum Haus Musamirus braucht er fast 15 Minuten. Sein neues Leben beginnt damit, Laufen zu lernen.</p>
<p>Erst nach Tagen erfährt er das ganze Ausmaß der Katastrophe. Erfährt, wie die Tutsis in Kirchen getrieben und verbrannt wurden. Wie Lehrer ihre Schüler töteten, Nachbarn die Nachbarn, Freunde die Freunde. Und er erfährt, dass seine Familie ausgelöscht wurde.</p>
<p>Sein Vater wurde von einem Freund in seinem Auto verbrannt. Die Mutter, drei Schwestern und vier Brüder vergewaltigt und von Macheten in Stücke gehauen und in einem Massengrab verscharrt. Jean Pierre kennt die Killer, er wuchs mit ihnen auf; sie können nach Uganda oder Zaire fliehen.</p>
<p>Nur einer, der Mörder seines Vaters, wird gefasst und ins Gefängnis geworfen; nur um wieder freigelassen zu werden, nachdem er seine Verbrechen bekennt, bereut und sich für sie bei der Regierung entschuldigt. Jean Pierre erhält einen Brief von ihm, der nie geöffnet wird.</p>
<p>Jean Pierre tritt zum Islam über. Den christlichen Gott verdammt er. Zu viele Menschen verwesten in den Kirchen Ruandas. Der einzige Mensch, der seine Menschlichkeit bewahrte und Mut bewies, als das Land in Chaos und Blut ertrinkt ist ein Moslem. Musamiru ist zu seiner Familie geworden; nimmt die Plätze der Toten ein.</p>
<p>März 2004. Auf einer Wiese haben sich hunderte Menschen versammelt. Volkstribunale richten über mutmaßliche Massenmörder. Es wird gestritten ob und wer wie viele Menschen wann umgebracht hat. Jean Pierre beobachtet das Spektakel mit einem entrückten Lächeln. Rache? Lasst die Toten ruhen. Ich möchte nur, dass die Menschen, die mir meine Familie nahmen zu mir kommen und mir sagen, wie sie gestorben sind &#8211; persönlich.</p>
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		<title>Gastbeitrag: Br&#252;derchen und Schwesterchen</title>
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		<pubDate>Sun, 10 Apr 2005 11:20:20 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Malte Diedrich</dc:creator>
				<category><![CDATA[Gastbeiträge]]></category>

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		<description><![CDATA[Mein ehemaliger Mitbewohner, Carsten Stormer, ist im Kongo unterwegs. Einige Leser kenne vielleicht noch seine Berichte aus Afghanistan und aus dem Sudan. Hier eine Mail aus dem Kongo:
Kaba ist seit Stunden auf der Flucht. Ob seine kleine Schwester lebt oder wo sie ist, wei&#223; er nicht; er hat sie bei dem Angriff auf sein Dorf [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Mein ehemaliger Mitbewohner, Carsten Stormer, ist im Kongo unterwegs. Einige Leser kenne vielleicht noch seine Berichte aus <a href="http://www.treehugginpussy.de/category/gastbeitrage/afghanistan/">Afghanistan</a> und aus dem <a href="http://www.treehugginpussy.de/category/gastbeitrage/sudan/">Sudan</a>. Hier eine Mail aus dem Kongo:</p>
<p>Kaba ist seit Stunden auf der Flucht. Ob seine kleine Schwester lebt oder wo sie ist, wei&#223; er nicht; er hat sie bei dem Angriff auf sein Dorf aus den Augen verloren. Aber er kennt das Schicksal seiner Eltern.</p>
<p>Am Morgen des 27. Januar 2005, kommt der Tod nach Kawa. Die Mutter wird von einer Kugel in den R&#252;cken getroffen und mit einer Machete in St&#252;cke gehackt. Dem Vater wird die Kehle durchgeschnitten. In ihrem Blutrausch sehen die M&#246;rder den zitternden Jungen nicht, der sich halb tot vor Angst in einen dunklen Winkel der H&#252;tte presst. Kaba &#252;berlebt, weil er sich unter dem sterbenden K&#246;rper seines Vaters versteckt. Das Blut des Vaters l&#228;uft &#252;ber ihn und verkrustet langsam auf seiner Haut und seinen Kleidern. Die Milizen, die das Dorf Kawa &#252;berfielen, es pl&#252;nderten, die Bewohner ermordeten und die Frauen vergewaltigten, halten den Jungen f&#252;r tot.  Kaba ist 14 Jahre alt.</p>
<p>Onarin ist sieben Jahre alt. Als die Sch&#252;sse fallen und die ersten Menschen getroffen zu Boden sinken bleibt sie wie angewurzelt stehen und beginnt zu schreien. Sie will zu ihren Eltern laufen doch fremde M&#228;nner mit Macheten und Gewehren dringen in ihre H&#252;tte ein. Im gleichen Augenblick h&#246;rt sie aus dem Haus gellende Schreie; es sind die Todesschreie ihres Vaters und Bruders. Die Mutter liegt blut&#252;berstr&#246;mt vor der H&#252;tte. Ein Mann schneidet ihr gerade mit einem langen Messer den Bauch auf. Die Bilder werden sich f&#252;r immer in ihr Ged&#228;chtnis einbrennen. Ein Mann rennt auf sie zu, hebt das schreiende Kind auf und l&#228;uft mit ihr in den Busch; in Sicherheit. Onarin ist Kabas Schwester. Beide haben &#252;berlebt und beide halten den anderen f&#252;r tot.</p>
<p><span id="more-1170"></span></p>
<p>34 Menschen sterben an diesem Tag. Das Dorf ist zerst&#246;rt, die H&#252;tten niedergebrannt, das Vieh gestohlen. Kaba kriecht unter dem leblosen K&#246;rper seines Vaters hervor, springt &#252;ber Leichen und K&#246;rperteile. Er rennt in den Busch, w&#228;scht sich an einem Bach das Blut des Vaters ab. Hier kennt er sich aus, seine gesamte Kindheit hat er dort verbracht. Doch der Junge steht unter Schock, irrt ziellos im Dickicht umher. Nach Stunden h&#246;rt er pl&#246;tzlich Stimmen. Er kauert sich in Todesangst unter einen Baum.</p>
<p>Die Stimmen kommen langsam n&#228;her. Eine davon kommt Kaba bekannt vor. Sie geh&#246;rt Dundu, einem Nachbarn und Dundu h&#228;lt seine Schwester Onarin an der Hand. Die Totgeglaubten fallen sich in die Arme, beginnen hemmungslos zu weinen, lassen ihren Gef&#252;hlen freien Lauf und glauben zum ersten Mal seit Stunden, dass sie diesen Tag &#252;berleben werden.</p>
<p>Die Geschwister geh&#246;ren zum Stamm der Hema, die M&#246;rder zum Stamm der Lendu. Ethnische Spannungen zwischen den verschiedenen St&#228;mmen haben eine uralte Tradition in Ituri, der krisengesch&#252;ttelten Region im Osten der Demokratischen Republik Kongo. Laut den Vereinten Nationen findet hier die gr&#252;&#223;te humanit&#228;re Katastrophe der Gegenwart statt. Drei Millionen Menschen sollen in den letzten f&#252;nf Jahren ums Leben gekommen sein. 85.000 Menschen befinden sich auf der Flucht. 16.000 Soldaten der Vereinten Nationen befinden sich im Kongo; es ist die gr&#246;&#223;te Friedensmission weltweit. Die Lendus geh&#246;ren zu den FNI Milizen, die Hemas zu der UPC.</p>
<p>Die Fl&#252;chtenden k&#246;nnen nicht ahnen, dass die Lendu ihnen dicht auf den Fersen sind. Im Busch treffen sie auf weitere &#220;berlebende. Sie bleiben zusammen, suchen Nahrung, k&#252;mmern sich um die Verwundeten und spenden Trost. Elternlose Kinder werden in die Obhut von Erwachsenen gestellt. Onarin und Kaba bleiben bei Dundu.</p>
<p>Es ist der siebte Tag im Wald. Um neun Uhr abends greifen die Lendu zum zweiten Mal an. Der Angriff kommt v&#246;llig &#252;berraschend. Alte, Verwundete und Kinder geh&#246;ren zu den ersten Opfern; sie werden mit Macheten niedergemacht. Kein Schuss f&#228;llt, keine Kugel wird an die Wehrlosen verschwendet. Wieder m&#252;ssen die Geschwister um ihr Leben laufen. Beide werden f&#252;r ihr immer gekennzeichnet, als FNI Milizion&#228;r die Kinder gefangen nehmen und die Macheten auf ihre K&#246;pfe niederfahren lassen. Onarin hat eine tiefe, stark blutende Wunde vom linken Mundwinkel bis zum Ohrl&#228;ppchen. Kaba hat eine klaffende Wunde am Hinterkopf bis zur rechten Schl&#228;fe. Die Milizion&#228;re lassen die Kinder ohnm&#228;chtig im Staub liegen. Beide verlieren viel Blut aber sie &#252;berleben. Auch Dundu kommt mit dem Leben davon. Sie k&#246;nnen sich bis nach Kafe durchschlagen, wo bangladeschische UNO Truppen stationiert sind. Ihre Wunden werden versorgt, doch ihre Seele kann keiner heilen.</p>
<p>Als die Nachricht von den Massakern die Provinzhauptstadt Bunia erreicht entschlie&#223;t sich die UNO zum Handeln. Am 29. Januar werden pakistanische Soldaten unter F&#252;hrung von Major Ahmed von einem Hubschrauber in der Region abgesetzt. Den Blauhelmen bietet sich ein Bild der Verw&#252;stung und des Terrors. Die gesamte Hema Bev&#246;lkerung im Djugu Territorium befindet sich auf der Flucht, fast alle D&#246;rfer sind nieder gebrannt und gepl&#252;ndert. &#220;berall liegen die Leichen ermordeter Hemas. In den noch rauchenden Ruinen findet Major Ahmed die &#220;berreste verbrannter Kinder.</p>
<p>Die Toten sind grausam entstellt. Vielen wurden bei lebendigem Leib die Augen ausgestochen, Nase und Ohren abgetrennt, die H&#228;nde verbrannt. Sch&#228;del- und Bachdecke sind ge&#246;ffnet; Gehirn, Leber und Herz verspeist. Kannibalismus hat in diesem Teil Afrikas Tradition. K&#246;rperteile werden gegessen, um den Geist und den Mut des Feindes in sich aufzunehmen. Mehr als 1.500 Menschen nehmen die Lendu als Geiseln. Die Frauen und M&#228;dchen dienen als Sexsklavinnen, die M&#228;nner und Jungen m&#252;ssen auf den Feldern schuften.</p>
<p>Die &#220;berlebenden sind in einem f&#252;rchterlichen Zustand. Ihnen wurde alles genommen; selbst die Kleidung. Pakistanische Armee&#228;rzte geben Soforthilfe. Kinder mit klaffenden Kopf- und Halswunden m&#252;ssen versorgt werden. Die Soldaten finden eine vergewaltigte, hochschwangere Frau im Dickicht. Sie hat eine Schusswunde in der H&#252;fte. W&#228;hrend der Notoperation kommt ihr Baby zur Welt; Mutter und Kind &#252;berleben. Die Soldaten teilen ihre Kleidung und Nahrung mit den Nackten und Hungrigen Menschen; dies soll sp&#228;ter von der UN F&#252;hrung kritisiert werden, da die Lebensmittel nur f&#252;r UN Personal verwendet werden d&#252;rfen.</p>
<p>W&#228;hrend Kaba und Onarin in Kafe behandelt werden, gehen die pakistanischen Soldaten mit Waffengewalt gegen die FNI Miliz vor. Die Lendu werden zur&#252;ckgeschlagen und m&#252;ssen einen Gro&#223;teil der Geiseln freilassen. Zur gleichen Zeit wird ein provisorisches Fl&#252;chtlingslager aufgebaut. Es wird Tche genannt. Innerhalb k&#252;rzester Zeit schwillt Tche zu einem Dorf mit 22.000 Menschen an. Jeden Tag kommen mehr Leute hinzu. Jeder hat seine eigene schreckliche Version von dem Horror, der ihr Leben zerst&#246;rte. Auch Onarin, Kaba und Dundu treffen ein, nachdem die Wunden der beiden Kinder verheilt sind. MONUC setzt den Milizen ein Ultimatum: Sollten sie nicht bis zum 1. April freiwillig ihre Waffen abgeben, will die UNO mit Waffengewalt gegen sie vorgehen.</p>
<p>25. M&#228;rz 2005. Es regnet seit Tagen in Str&#246;men. Eine Schlammwelle schie&#223;t durch die provisorische Unterkunft aus gr&#252;nen Plastikplanen, schwemmt M&#252;ll und menschliche Abf&#228;lle in das Zelt. Auf den H&#252;geln, die das Lager umgeben sind Panzer und schwere Maschinengewehre der Pakistanis in Stellung. Es kann jederzeit mit einem Angriff auf das Lager gerechnet werden.</p>
<p>Das neue Leben der Kinder beginnt damit, das alte zu vergessen. Onarin hat noch immer einen dicken Verband an der linken Wange. Sie kann die Erlebnisse nicht verarbeiten, spricht kaum und Alptr&#228;ume qu&#228;len sie jede Nacht. Die Tr&#228;ume sind immer die Gleichen: jede Nacht werde die Eltern aufs Neue von Macheten in St&#252;cke gehauen. Kaba tr&#228;gt ein Schlamm verschmutzets Bart Simpson T-Shirt. &#8220;What&#8217;s up, Dude?&#8221; steht da drauf. Es ist das einzig fr&#246;hliche an dem Jungen. Er ist noch immer traumatisiert, hat kaum Kontakt zu anderen Kindern und nimmt nur unregelm&#228;&#223;ig Nahrung zu sich. Obwohl die Wunden der Kinder verheilt sind, wird es noch lange dauern, bis die Narben auf ihren Seelen verwachsen sind.</p>
<p>31. M&#228;rz. Die Drohung der Vereinten Nationen zeigt Wirkung. T&#228;glich geben hunderte K&#228;mpfer, haupts&#228;chlich Kindersoldaten, ihre Waffen ab. Dreiviertel aller Milizen sollen inzwischen entwaffnet sein. Die UNO hat Hoffnung auf Frieden und die pakistanischen Soldaten machen sich bereit, Tche zu verlassen und an die kongolesische Armee zu &#252;bergeben. Das Ger&#252;cht verbreitet sich auch im Lager. Dundu sitzt vor seinem Zelt und h&#228;lt die Kinder in seinen Armen. Das Licht der untergehenden Sonne taucht die kongolesischen Berge in dunkles Gr&#252;n. Er sieht  besorgt aus. Die Lendu haben den Hema eine Warnung zukommen lassen: Sie brauchen keine Kalaschnikows, um ihr blutiges Werk zu vollenden. Macheten k&#246;nnen genauso effektiv sein; sobald die MONUC Soldaten die Gegend verlassen haben.</p>
<p>02. April 2005. Bangladeschische, Marokkanische, Pakistanische und S&#252;dafrikanische Soldaten n&#228;hern sich einem FRPI Milizencamp in Bolonzabo. Die FRPI hat sich bis zuletzt geweigert, freiwillig die Waffen abzugeben. Die Milizen er&#246;ffnen Feuer, MONUC Soldaten schie&#223;en zur&#252;ck. Kampfhubschrauber geben aus der Luft Unterst&#252;tzung. 18 Milizion&#228;re werden get&#246;tet. Die Vereinten Nationen haben ihre Drohung war gemacht.</p>
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		<title>Als Kriegsreporter unterwegs</title>
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		<pubDate>Sat, 09 Apr 2005 09:57:44 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Malte Diedrich</dc:creator>
				<category><![CDATA[Gastbeiträge]]></category>

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		<description><![CDATA[Ich habe hier ja von Zeit zu Zeit schon einige Berichte von Carsten Stormer gebracht (Afghanistan, Sudan), hier nun ein paar Bilder. Zur Zeit ist er im Kongo, nachdem er vorher in Ruanda war. Ein Bericht von ihm findet sich heute in der taz. In den nächsten Tagen kommen hier auch noch andere Berichte von [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Ich habe hier ja von Zeit zu Zeit schon einige Berichte von Carsten Stormer gebracht (<a href ="http://www.treehugginpussy.de/category/gastbeitrage/afghanistan/">Afghanistan</a>, <a href="http://www.treehugginpussy.de/category/gastbeitrage/sudan/">Sudan</a>), hier nun ein paar Bilder. Zur Zeit ist er im Kongo, nachdem er vorher in Ruanda war. <a href="http://www.taz.de/pt/2005/04/09/a0211.nf/text">Ein Bericht von ihm findet sich heute in der taz</a>. In den nächsten Tagen kommen hier auch noch andere Berichte von ihm.</p>
<p><a href="http://www.treehugginpussy.de/wp-content/images/463B9858-1.JPG" onclick="window.open('http://www.treehugginpussy.de/wp-content/images/463B9858-1.JPG','popup','width=340+20,height=228+20,scrollbars=yes,resizable=yes,toolbar=no,directories=no,location=no,menubar=no,status=yes,left=0,top=0');return false"><img src="http://www.treehugginpussy.de/wp-content/images/463B9858-1-tm.jpg" height="200" width="298" align="" border="1" hspace="4" vspace="4" alt="463B9858-1" title="" longdesc="" /></a> <a href="http://www.treehugginpussy.de/wp-content/images/IMG_2150-1.JPG" onclick="window.open('http://www.treehugginpussy.de/wp-content/images/IMG_2150-1.JPG','popup','width=510,height=340,scrollbars=no,resizable=yes,toolbar=no,directories=no,location=no,menubar=no,status=yes,left=0,top=0');return false"><img src="http://www.treehugginpussy.de/wp-content/images/IMG_2150-1-tm.jpg" height="200" width="300" border="1" hspace="4" vspace="4" alt="Img 2150-1" /></a><br />
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		<title>Humanit&#228;t als Opfer der B&#252;rokratie</title>
		<link>http://www.treehugginpussy.de/2005/02/15/humanitt-als-opfer-der-brokratie/</link>
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		<pubDate>Tue, 15 Feb 2005 20:47:55 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Malte Diedrich</dc:creator>
				<category><![CDATA[Gastbeiträge]]></category>

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		<description><![CDATA[Mein ehemaliger Mitbewohner, Carsten Stormer, ist im Sudan unterwegs gewesen. Einige &#228;ltere Leser kenne vielleicht noch seine Berichte aus Afghanistan. Hier eine weitere Mail aus dem Sudan:
Die junge Frau vom Stamm der Zhagawa hockt vor einem winzigen Feuer. Neben ihr kauern drei kleine Kinder &#8211; in zerrissenen T-Shirts und Shorts und dr&#228;ngen sie sich dicht [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Mein ehemaliger Mitbewohner, Carsten Stormer, ist im Sudan unterwegs gewesen. Einige &#228;ltere Leser kenne vielleicht noch <a href="http://laurie.informatik.uni-bremen.de/wp/index.php?cat=14">seine Berichte aus Afghanistan</a>. Hier eine weitere Mail aus dem Sudan:</p>
<p>Die junge Frau vom Stamm der Zhagawa hockt vor einem winzigen Feuer. Neben ihr kauern drei kleine Kinder &#8211; in zerrissenen T-Shirts und Shorts und dr&#228;ngen sie sich dicht an ihre Mutter. Je kleiner die Flammen werden, desto n&#228;her r&#252;cken sie an die w&#228;rmende Glut. &#220;ber dem Feuer kocht in einem alten Kessel Tee &#8211; Tee w&#228;rmt und er wird das einzig Warme sein, das die Frau und ihre Kinder vor einer kalten Nacht zu sich nehmen werden. Die Hirse in dem Jutesack reicht nur noch f&#252;r wenige Tage &#8211; und nur f&#252;r eine Mahlzeit am Tag. Ein eisiger Nachtwind facht das Feuer an und l&#228;sst die d&#252;nnen Zweige schneller abbrennen. Knochige H&#228;nde an d&#252;nnen Armen strecken sich  dem w&#228;rmenden Feuer entgegen. Die Flammen z&#252;ngeln und tanzen zwischen den Fingern.  In den knorrigen &#196;sten eines Baumes h&#228;ngt ein weiterer Topf &#8211; au&#223;er einer Decke, dem Jutesack und einer Strohmatte ist dies der einzige Besitz, den sie  in Darfur mit auf die Flucht nehmen konnten.   Mutter und Kinder starren in die Glut, als k&#246;nnten sie in ihr lesen, was der n&#228;chste Tag bringt. Sie lauschen dem Knistern, als k&#246;nnte es ihnen sagen, wann sie wieder etwas zu Essen bekommen.</p>
<p>Die Flammen des Feuers werden kleiner, immer kleiner bis auch die letzte Glut erlischt. In wenigen Minuten werden die Kinder zu weinen und zu schreien beginnen; wenn der eisige Nachtwind,  die letzte W&#228;rme aus den ausgezehrten K&#246;rpern getrieben hat. Die Kleinsten sp&#252;ren es zuerst &#8211; ein Zittern, das in den Fu&#223;spitzen beginnt und dann den ganzen K&#246;rper erfasst, bis dieser unkontrolliert zu beben beginnt. Ein hungriger K&#246;rper leidet eher unter der K&#228;lte &#8211; aber daf&#252;r umso st&#228;rker. Das Weinen wird bis zum Sonnenaufgang andauern, oder bis die Kehlen heiser geschrieen sind &#8211; wie verlorene L&#228;mmer, die ihre M&#252;tter nicht mehr finden. &#8222;Morgen&#8220;, sagt die junge Frau. &#8222;Morgen kommt jemand, um uns zu registrieren.&#8220; Sie ist sich sicher &#8211; seit Tagen schon.</p>
<p><span id="more-1087"></span></p>
<p>Die junge Frau hei&#223;t Hashania Abakar Ahmed. Sie ist 26 und ihr Leiden begann vor dreizehn Monaten. Schon oft hatte Hashania davon geh&#246;rt, dass die sudanesische Armee und die von ihr unterst&#252;tzten Jenjaweed die D&#246;rfer in der Umgebung bombardieren und niederbrennen, Frauen und M&#228;dchen vergewaltigen und die M&#228;nner t&#246;ten. Wider aller Vernunft hatten sie und die Bewohner des Dorfes Orshey geglaubt, dass sie verschont bleiben. Im November 2003 kam der Krieg schlie&#223;lich auch nach Orshey. Erst fielen die Bomben; eine traf die H&#252;tte ihres Onkels und l&#246;schte dessen gesamte Familie aus &#8211; f&#252;nf Menschen starben. Wer nicht von der Wucht der Explosion zerfetzt wurde, verbrannte in den Flammen. Als Hashania an dem Haus vorbei rannte, h&#246;rte sie die Schreie der Sterbenden. Nach den Bomben kamen die Jenjaweed, um das Vieh der Fl&#252;chtenden zu stehlen und um die Zur&#252;ckgebliebenen zu massakrieren &#8211; zu diesem Zeitpunkt versteckte sich Hashania mit ihren drei Kindern schon in den umliegenden H&#252;geln. Doch sie h&#246;rte, was die M&#228;nner an den Lagerfeuern erz&#228;hlten. Sie h&#246;rte von jungen M&#228;dchen, die vor den Augen ihrer M&#252;tter und von M&#252;ttern, die vor den Augen ihrer Kinder vergewaltigt wurden. Sie h&#246;rte von Jungen, die kaltbl&#252;tig erschossen wurden, als sie das Vieh h&#252;teten. Und von Greisen &#8211;  zu alt und zu gebrechlich, um zu fliehen &#8211;, die mit Gewehrkolben erschlagen wurden.</p>
<p>Dreizehn Monate harrten die &#220;berlebenden in ihren Verstecken aus &#8211; dann war alles Essbare verzehrt und der Hunger kam. Die wenigen Ziege und Schafe waren schon vor Monaten geschlachtet worden. Einige Zeit sp&#228;ter ging die Hirse zu Ende, dann waren auch die letzten Fr&#252;chte von den B&#228;umen verschwunden. Wer jetzt noch stark genug war und kein Gras essen wollte, machte sich auf in die Fl&#252;chtlingslager. Hashania besa&#223; noch ein paar Kraftreserven, sie ging mit ihren Kindern nach Westen, in Richtung der Grenze zum Tschad. Ihr Mann ging nach S&#252;den, um Nahrung f&#252;r die Familie zu suchen. Bisher kam er nicht wieder &#8211; vielleicht hat er sich den Rebellen angeschlossen, vielleicht wurde er von Jenjaweed-Milizen get&#246;tet, vielleicht werden sie sich in einem Fl&#252;chtlingslager wieder sehen. Inschallah.</p>
<p>Zehn Tage dauerte ihre Flucht. Nach zwei Tagen hatten sie und die Kinder nichts mehr zu Essen &#8211; obwohl sie nur einmal am Tag a&#223;en. &#8222;Es reichte nicht. Wir konnten einfach nicht mehr tragen und Esel besa&#223;en wir nicht mehr&#8220;, fl&#252;stert Hashania. Die Esel, die sie einmal besa&#223;en und die ihre Kinder und Vorr&#228;te h&#228;tten tragen k&#246;nnen stahlen die Jenjaweed, &#8211;  nachdem sie das Dorf niedergebrannt und die Bewohner niedergemetzelt hatten. Sie tranken aus Wasserl&#246;chern, in die auch der Kot und der Urin des Viehs gelangt oder aus T&#252;mpeln gef&#252;llt mit  abgestandener, bakterienverseuchter, sandiger Br&#252;he. Die letzten Tage ern&#228;hrten sie sich haupts&#228;chlich von Naback, einer Baumfrucht, die schwer zu verdauen ist und Magenkr&#228;mpfe verursacht. Manchmal gaben ihnen auch andere Fl&#252;chtlinge etwas Hirse ab. So konnten sie &#252;berleben</p>
<p>Vor sechs Tagen erreichte Hashania dann das, unter UNO-Leitung stehende, Fl&#252;chtlingslager Oure Cassoni im Tschad, wenige Kilometer von der Grenze entfernt. Ihr j&#252;ngstes Kind, die zweij&#228;hrige Fatma, hing da schon leblos in dem um den R&#252;cken gebundenen Tragetuch &#8211; es r&#246;chelte nur noch, der Atem ging hastig in Todesangst. Akute Unterern&#228;hrung stellten die &#196;rzte fest &#8211; sofortige Behandlung mit  protein- und vitaminhaltiger Milch als letzte Rettung. Hashania und ihre anderen beiden Kinder erhalten keine Hilfe. Sie sind keine akuten F&#228;lle und noch nicht registriert und somit nicht als Fl&#252;chtlinge anerkannt. Alles muss nach den Regeln und Normen der UNO verlaufen &#8211; hungernde, frierende und kranke Menschen bilden dabei keine Ausnahme. Erst muss festgestellt werden, ob auch jeder ein Fl&#252;chtling ist, der sich als solcher  ausgibt. Es k&#246;nnte sich ja ein hungriger Tschadienne unter die Fl&#252;chtlinge gemischt haben und das w&#252;rde gegen das Mandat der Vereinten Nationen versto&#223;en, das nur erlaubt Menschen von jenseits der Grenze zu helfen. Der allt&#228;gliche b&#252;rokratische Irrsinn in einer der &#228;rmsten Regionen der Erde.</p>
<p>Doch nicht alle Fl&#252;chtlinge erhalten die Hilfe, auf die sie hofften. Etwa vierhundert Menschen &#8211; haupts&#228;chlich Frauen und Kinder &#8211;  bev&#246;lkern den schmalen Gr&#252;nstreifen, keine dreihundert Meter vom Lager entfernt und warten darauf, dass jemand sie wahrnimmt &#8211; ihre M&#228;nner sind entweder tot, versuchen woanders etwas Essbares aufzutreiben oder haben sich  den Rebellen angeschlossen.<br />
&#8222;New arrivals&#8220; &#8211; Neuank&#246;mmlinge hei&#223;en diese Leute im Jargon der Hilfsorganisationen. Viele von ihnen sind nicht mehr ganz so neu, denn sie warten schon seit Wochen und Monaten auf die Aufnahme in das Lager. Sie hausen unter B&#228;umen und hinter Str&#228;uchern oder in Unterst&#228;nden aus krummen &#196;sten und Plastikplanen, die weder vor der gl&#252;henden Sonne noch den Sandst&#252;rmen sch&#252;tzen &#8211; ohne Nahrung und ohne w&#228;rmende Decken. Alle in Sichtweite des Fl&#252;chtlingslagers. &#8222;Warum bin ich hier? Es ist wie in Darfur nur in einem anderen Land. Wir leben wie Tiere&#8220;, sagt Hamid Madjid, seine Stimme bricht, er wendet seinen Blick ab und wischt sich mit einer Hand &#252;ber die Augen. Sie alle harrten in Darfur aus, bis weiteres Warten den Hungertod bedeutet h&#228;tte. Keiner von ihnen wollte in das Lager kommen, sie hofften bis zuletzt, dass der Frieden nach Darfur zur&#252;ckkehrt &#8211; oder, dass Hilfslieferungen diesen Teil Norddarfurs erreichen. Keines von beiden geschah. Sie mussten fliehen.</p>
<p>UNHCR, das Fl&#252;chtlingshilfswerk der Vereinten Nationen hat offiziell die Registrierung der Neuank&#246;mmlinge abgebrochen. &#8222;Wir m&#252;ssen erst die internen Probleme des Lagers l&#246;sen, bevor wir neue Fl&#252;chtlinge aufnehmen&#8220;, sagt Pauline Fresheau von UNHCR in Bahai, einer Grenzstadt nur wenige Kilometer von dem Lager entfernt. Interne Probleme hat das Lager zuhauf. Schon zu Beginn verhinderten die lokalen Beh&#246;rden den Bau des Lagers an einem sicheren Ort. Nun liegt das Lager zu nahe an der Grenze und soll verlegt werden, da aus Sicherheitsgr&#252;nden Fl&#252;chtlingslager mindestens 50 Kilometer von der Grenze des Krisengebiets liegen m&#252;ssen &#8211; so die UN-Richtlinien. Einen besseren Platz gibt es im Moment allerdings nicht, da das Lager jetzt nur wenige hundert Meter von einem k&#252;nstlich angelegten Frischwassersee liegt.  Zudem  hat der Pr&#228;fekt von Bahai, ein Verwandter des Staatspr&#228;sidenten darauf bestanden, dass alle T&#228;tigkeiten bei den internationalen Hilfsorganisationen wie Brunnenbau, Fahrer, Zeltaufbau an Leute seines Stammes vergeben werden. Ein weiteres Problem ergibt sich daraus, dass kein Mensch genau wei&#223;, wie viele Menschen in Oure Cassoni leben. Die Hilfsorganisation IRC sch&#228;tzt die Anzahl der Fl&#252;chtlinge auf 17.000, UNHCR auf 24.000. Essensrationen werden f&#252;r 22.000 Menschen ausgegeben. Kopfzerbrechen bereitet au&#223;erdem, dass viele Familien anscheinend mehrere Familienkarten besitzen und somit mehr Rationen erhalten, als ihnen zustehen. Ger&#252;chte besagen, das CENAR, die tschadische Fl&#252;chtlingskommission, Lebensmittelkarten gegen Bargeld ausgestellt hat. Claire Bourgeois, stellvertretende Leiterin von UNHCR in Abeche&#180; weist diese Vorw&#252;rfe nicht zur&#252;ck.</p>
<p>Aufgrund der humanit&#228;re Situation der Neuank&#246;mmlinge ist die Stimmung im Lager ist gereizt &#8211; fast alle haben Verwandte oder Freunde unter den vor dem Lager dahin Vegetierenden. Dies wird bei den t&#228;glichen Treffen  zwischen Stammesf&#252;hrern und UN-Offiziellen deutlich. In einem Zelt in der Mitte des Lagers werden die Probleme  zur Sprache gebracht. Eines Vormittags kommt es fast zum Eklat. &#8222;Wann bekommen wir endlich etwas zu essen?&#8220;, ruft eine Frau in die Menge im Zelt. &#8222;Sagt nicht, dass wir still sein sollen. Unsere Kinder hungern und weinen. Sollen wir ihnen sagen, dass sie still sein sollen?&#8220;, ihre Stimme ist heiser vor Erregung. Ein Mann schreit, dass er seine Kinder zur&#252;ck nach Darfur bringen wird. &#8222;Es ist besser wenn sie in ihrer Heimat sterben anstatt hier.&#8220; Sein Gesicht ist wutverzerrt. Das Meeting wird abgebrochen. Die Stammesf&#252;hrer haben M&#252;he, die aufgebrachte Menge zu beruhigen. . In Oure Cassoni wird immer nur von Fl&#252;chtlingen, gesprochen &#8211; nicht von Menschen. Das Wort degradiert die Menschen zu Objekten und Zahlen &#8211; es beraubt sie ihrer Identit&#228;t, ihres Status, ihrer W&#252;rde und ihres Respekts. Es macht sie zu Menschen zweiter Klasse. Objekte hungern und frieren nicht &#8211; Menschen schon. Humanit&#228;t als Opfer der B&#252;rokratie. Neuank&#246;mmlinge haben es noch schlechter &#8211; sie sind Fl&#252;chtlinge zweiter Klasse.</p>
<p>Trotz dieser Umst&#228;nde sieht UNHCR keinen Anlass zum Handeln &#8211; nur den Notd&#252;rftigsten Neuank&#246;mmlingen kommt Hilfe zu. Alle 15 Tage erhalten Kinder kleiner als 120 cm, sowie Schwangere und stillende M&#252;tter  Kraftnahrung und Proteinkekse. Ansonsten vertraut das Hilfswerk auf die Hilfsbereitschaft der registrierten Fl&#252;chtlinge, auf die traditionelle Bereitschaft der afrikanischen St&#228;mme allen Besitz mit der Gemeinschaft zu teilen. &#8222;Die Fl&#252;chtlinge sind f&#252;r ihre Handlungen verantwortlich &#8211; f&#252;r sich selbst und f&#252;r die Gemeinschaft. Wenn sie mehr als eine Lebensmittelkarte haben, m&#252;ssen sie lernen zu teilen&#8220;, sagt Pauline Fresheaud.</p>
<p>Lernen zu teilen? In der Tat ist das Band, das die Fl&#252;chtlinge innerhalb und au&#223;erhalb des Lagers verbindet stark &#8211; 99 Prozent geh&#246;ren zum Stamm der Zhagawa, alle sind irgendwie miteinander verwandt. Doch auch das st&#228;rkste Band droht  zu zerrei&#223;en, wenn die Spannung zu gro&#223; wird. &#8222;Ich verstecke immer einen Teil meiner Vorr&#228;te in meinem Zelt. Nur das, was unsere Br&#252;der und Schwestern aus dem Wadi in der K&#252;che sehen teile ich mit ihnen&#8220;, sagt Abdulrahman und blickt schuldbewusst zu Boden. &#8222;Ich kann nicht mehr geben. Wir haben nicht genug.&#8220; Erst vor Kurzem hat das Weltern&#228;hrungsprogramm der Vereinten Nationen (WFP) die Rationen gek&#252;rzt &#8211; es bestand der Verdacht, dass die Fl&#252;chtlinge zuviel essen und hier kommen die doppelt ausgestellten Lebensmittelkarten wieder ins Spiel &#8211; WFP glaubt, dass die Anzahl der Fl&#252;chtlinge kleiner ist, als die ausgegebenen Rationen. Zynisch wird es, wenn an etwas Hirse, Mehl, &#214;l und Zucker gespart wird aber ein libyscher Lastwagenfahrer, der die Nahrungsmittel f&#252;r WFP in die Lager f&#228;hrt, freim&#252;tig erz&#228;hlt 7.000 Dollar im Monat zu verdienen.</p>
<p>Als ob es eine Rechtfertigung sein soll meint Frau Frecheaud, dass es einen Dominoeffekt ausl&#246;sen werde, wenn alle Fl&#252;chtlinge in das Lager aufgenommen werden. &#8222;Wenn wir dies tun w&#252;rden h&#228;tten wir bald die gesamte Bev&#246;lkerung Darfurs in den Lagern.&#8220; Was an einem Leben in einem Lager wie Oure Cassoni so attraktiv sein soll, kann sie nicht beantworten.</p>
<p>Laut Aussagen der Neuank&#246;mmlinge befindet sich die Bev&#246;lkerung aus der Gegend um Kurnoi und Umbaro in Nord Darfur bereits auf dem Weg in das Lager. &#8222;Hunderte oder Tausende sind auf dem Weg hierher&#8220;, erz&#228;hlt Hwa Hamid. Sie kam vor zwei Tagen  zum Lager. Wer Lasttiere &#8211; Esel oder Kamele &#8211; besitzt, schickt sie umgehend nach Darfur zur&#252;ck, um weitere Familienangeh&#246;rige zu holen oder um Lebensmittelrationen zu Verwandten in Darfur zu bringen, die dort festsitzen &#8211; zu alt, zu krank oder zu ver&#228;ngstigt, um die Reise in den Tschad zu &#252;berstehen. Es ist so etwas wie eine stille  Versorgungslinie. Abdulrahman Abakar besitzt einige Kamele und  macht sich gerade auf seine zweite Reise zur&#252;ck in die Krisenregion. Seine drei Frauen und f&#252;nf Kinder hat er bereits in den Tschad  gebracht. Nun kehrt er zur&#252;ck, um seine Br&#252;der, dessen Frauen und deren Kinder zu holen.</p>
<p> Taban Kakonga, Notfall Koordinator von WFP, erschreckt diese Nachricht. &#8222;Uns wird gesagt, dass keine Fl&#252;chtlinge die Grenze &#252;berqueren.&#8220; F&#252;r diesen Fall wollen UNHCR und WFP allerdings einen Notfallplan ausgearbeitet haben &#8211; nat&#252;rlich erst nachdem festgestellt ist, ob es sich auch tats&#228;chlich um Fl&#252;chtlinge handelt. &#8222;Wie k&#246;nnen wir sicher sein, dass diese Menschen aus Darfur kommen?&#8220;, fragt UN-Mann Kakonga.  Aus Sicherheitsgr&#252;nden m&#252;ssen die UN-Mitarbeiter  aber das Lager vor Einbruch der Dunkelheit verlassen haben &#8211; eine Evaluierung der Zust&#228;nde ist somit ausgeschlossen.</p>
<p>Ein neuer Tag bricht &#252;ber Oure Cassoni herein. Das endlose Weinen der Kinder hat aufgeh&#246;rt &#8211; zugeschwollene und verkrustete Kinderaugen blinzeln verst&#246;rt den ersten Sonnenstrahlen entgegen. Wer eine Decke besitzt bleibt solange in ihr eingewickelt, bis die steifgefrorenen Glieder wieder in der Lage sind, die Last des K&#246;rpers zu tragen. Kleine Feuer werden entz&#252;ndet &#8211; nackte F&#252;&#223;e und H&#228;nde strecken sich in die Flammen.</p>
<p>Doch etwas ist an diesem Morgen anders. An der Sandpiste, welche die Grenzstadt Bahai mit dem Lager verbindet haben sich Hunderte Frauen in bunten toobs, der taditionellen Kleidung darfurischer Frauen, versammelt. Sie gestikulieren wild mit den Armen, werfen sich in den Staub, deuten immer wieder auf ihren Bauch &#8211; gib uns etwas zu essen wollen sie sagen. &#8222;Barak katir&#8220;, rufen sie. &#8222;Sehr kalt&#8220;, und imitieren das Zucken frierender K&#246;rper &#8211; vielen laufen Tr&#228;nen &#252;ber die eingefallenen Wangen. Als die ersten wei&#223;en UN Fahrzeuge auftauchen versuchen die Frauen diese aufzuhalten &#8211; ein verzweifelter aber erfolgloser Versuch einen Verantwortlichen zum Zuh&#246;ren zu bewegen. Es ist das erste Anzeichen von Rebellion bei den Neuank&#246;mmlingen. Wenige Minuten sp&#228;ter erscheint Sharif Nuen Safi, der Fl&#252;chtlingssprecher f&#252;r die Region Kurnoi, der f&#252;r diese Menschen im Lager zust&#228;ndig w&#228;re, wenn sie registriert w&#228;ren und versucht die Frauen zu beruhigen. Eine heftige Diskussion beginnt. Zu gleicher Zeit taucht  tschadisches Milit&#228;r auf, das f&#252;r die  f&#252;r die Sicherheit im Lager verantwortlich ist, und droht den Fl&#252;chtlingen mit Gef&#228;ngnis, falls sich die Versammlung nicht auf der Stelle aufl&#246;st &#8211; die Drohung wirkt.</p>
<p>Etwas abseits sitzt der alte Sulemein Osman auf einem abgewetzten Teppich &#8211; ein fadend&#252;nnes Wesen, das sich seit Tagen nicht vom Fleck ger&#252;hrt hat und dessen Gesicht so zerfurcht ist, als sei es geschrumpft und an dessen streichholzd&#252;nnen Beinen sich nur noch die Haut &#252;ber die Knochen spannt. In seinem Blick liegt Apathie und Hoffnungslosigkeit. Ein paar Meter weiter l&#228;uft Abaka Idris, der ein wenig Englisch sprechen und schreiben kann von Busch zu Busch, von Unterstand zu Unterstand und schreibt in krakeliger Kinderschrift f&#252;r Fl&#252;chtlinge Briefe, die mit den Worten &#8222;Ich bin eine Witwe und habe vier Waisen&#8220; anfangen und mit &#8222;ihre Fl&#252;chtlinge unter den B&#228;umen&#8220; aufh&#246;ren &#8211; in der Hoffnung, dass jemand, der ihnen helfen k&#246;nnte diese Briefe liest &#8211; und reagiert.</p>
<p>Unter einem knorrigen Baum kauert die bildh&#252;bsche 20j&#228;hrige Seida Fadul und kann den Tag nicht vergessen, an dem sie von zwei M&#228;nnern f&#252;nf Stunden lang vergewaltigt wurde und diese M&#228;nner anschlie&#223;end ihren Vater und zwei ihrer Br&#252;der t&#246;teten. Und Hashania wird sich wie jeden Morgen auf den Weg in die Gesundheitsstation machen, bis ihre kleine Fatma so weit zu Kr&#228;ften gekommen ist, um wie die anderen unter den B&#228;umen zu leben. Die Hoffnung aber wird ihr keiner nehmen. &#8222;Morgen&#8220;, sagt sie. &#8222;Morgen werde ich registriert.&#8220;</p>
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		<title>Auf nach Khartum</title>
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		<pubDate>Tue, 15 Feb 2005 20:44:36 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Malte Diedrich</dc:creator>
				<category><![CDATA[Gastbeiträge]]></category>

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		<description><![CDATA[Mein ehemaliger Mitbewohner, Carsten Stormer, ist im Sudan unterwegs gewesen. Einige &#228;ltere Leser kenne vielleicht noch seine Berichte aus Afghanistan. Hier eine Mail aus dem Sudan:
In einer der wenigen nicht zerst&#246;rten H&#252;tten in dem Dorf Farawija in Nord Darfur sitzt Adam Ibrahim, Angeh&#246;riger des Stammes der Zhawaga. Auf seinem Scho&#223; liegt eine Panzerfaust, hinter ihm [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Mein ehemaliger Mitbewohner, Carsten Stormer, ist im Sudan unterwegs gewesen. Einige &#228;ltere Leser kenne vielleicht noch <a href="http://laurie.informatik.uni-bremen.de/wp/index.php?cat=14">seine Berichte aus Afghanistan</a>. Hier eine Mail aus dem Sudan:</p>
<p>In einer der wenigen nicht zerst&#246;rten H&#252;tten in dem Dorf Farawija in Nord Darfur sitzt Adam Ibrahim, Angeh&#246;riger des Stammes der Zhawaga. Auf seinem Scho&#223; liegt eine Panzerfaust, hinter ihm stehen &#8211; ordentlich aufgereiht &#8211; Dutzende Kalaschnikows und G3 Sturmgewehre. Am Boden liegen einige Handgranaten und Bajonette. &#8222;S.L.A&#8220;, ruft der 23j&#228;hrige und klopft sich mit der Faust auf die Brust. Er tr&#228;gt einen gelben Turban &#252;ber seiner Rastafrisur. Um seinen Hals, Oberk&#246;rper und H&#252;fte baumeln an Kordeln und Schn&#252;ren aufgereihte Lederbeutel, die mit Koransuren gef&#252;llt sind &#8211; die Hijabs. Adam glaubt, dass diese Lederbeutel ihn vor den Kugeln seiner Feinde besch&#252;tzen werden. Er zeigt auf die Waffen: &#8222;Die haben wir alle den Regierungstruppen abgenommen&#8220;, sagt er und klopft sich wieder stolz auf die Brust. &#8222;S.L.A&#8220;</p>
<p>Vor sechs Monaten flog die sudanesische Armee einen Angriff auf Adam&#8217;s Dorf. Dabei kamen seine Mutter, seine Schwester und sein Onkel ums Leben. Seitdem k&#228;mpft auf der Seite der Sudanese Liberation Army (SLA), einer der vielen Rebellengruppen. &#196;u&#223;erlich sind die SLA K&#228;mpfer von anderen afrikanischen Rebellen kaum zu unterscheiden &#8211; sie tragen Turban, Ray Ban Spiegelbrille und Muskelshirts unter den Kaftanen. &#8222;Wir k&#228;mpfen f&#252;r Frieden und die Gleichberechtigung der afrikanischen St&#228;mme in Darfur&#8220;, sagt Adam voller &#220;berzeugung &#8211; doch es klingt nach einer einstudierten Phrase.</p>
<p><span id="more-1086"></span></p>
<p>Seit fast zwei Jahren k&#228;mpfen die SLA und die Schwesterorganisation Justice and Equality Movement (JEM) gegen die sudanesische Regierung und die Jenjaweed &#8211; die von der Regierung unterst&#252;tzten bewaffneten arabischen Reitermilizen. Im arabischen bedeutet jaan b&#246;se und jawad Pferd. Man k&#246;nnte es also als &#8218;b&#246;ser Reiter&#8217; &#252;bersetzen.</p>
<p>In diesem Zeitraum starben laut Berichten der Menschenrechtsorganisationen circa 50.000 Sudanesen, doch diese Zahl ist nur schwer zu belegen, da es kaum unabh&#228;ngige Beobachter in den betroffenen Gebieten gibt. 1,2 Millionen Menschen sollen sich auf der Flucht befinden &#8211; und es werden immer mehr. Die Regierung in Khartum hat schon vor einiger Zeit die Einreise von Journalisten und Hilfsorganisationen blockiert und somit ist eine genaue Einsch&#228;tzung der Lage unm&#246;glich. Sicher ist allerdings, dass sich in Darfur eine Katastrophe ungeahnten Ausma&#223;es abspielt.</p>
<p>F&#252;r die Einwohner der Region Dafur ist das grauenvolle Szenario des B&#252;rgerkrieges Alltag: Sudanesische Soldaten und die Jenjaweed greifen ihre D&#246;rfer an, t&#246;ten Zivilisten und vergewaltigen Frauen. Hierf&#252;r gibt es Hunderte von Augenzeugenberichten und Adam&#8217;s Erz&#228;hlungen vom Angriff auf sein Dorf Farawija ist nur einer von vielen Beweisen.</p>
<p>15 Minuten von Farawija entfernt, am Fu&#223; eines H&#252;gels, liegen die von der Sonne ausgetrockneten und mumifizierten &#220;berreste von elf Menschen. Auch sechs Monate nach dem Angriff auf Farawija liegt noch immer der leicht s&#252;&#223;liche Verwesungsgeruch in der Luft. Tiere haben die Leichen angefressen und gro&#223;e St&#252;cke aus den K&#246;rpern gerissen. Knochen und Totensch&#228;del verbleichen unter der sengenden Saharasonne. Patronenh&#252;lsen liegen auf dem steinigen Untergrund verstreut. Ein SLA Mann erz&#228;hlt, dass die M&#228;nner von ihren M&#246;rder an diese abgelegene Stelle gefahren, in zwei Gruppen aufgeteilt und dann hinterr&#252;cks erschossen wurden. Auf den Hemden und Hosen der Opfer sind immer noch getrocknete Blutflecken zu erkennen. Die Leichen, aus Propagandazwecken von den Rebellen nicht beerdigt, sind so auch nach 6 Monaten noch stumme Zeugen der unbarmherzigen Brutalit&#228;t dieses Krieges.</p>
<p>Farawija selbst ist komplett zerst&#246;rt. In dem gelben Sand am Stadtrand liegt eine graue Fliegerbombe russischen Typs &#8211; ein Blindg&#228;nger. Wenige Schritte entfernt klafft ein Bombentrichter von neun Meter Durchmesser im Boden. Die Sudanesische Luftwaffe besitzt nur Antonows &#8211; alte russische Bomber, die f&#252;r den Bombenabwurf nur eine Luke besitzen. Sie sind v&#246;llig ungeeignet zur gezielten Bek&#228;mpfung von Rebellen, da die Abw&#252;rfe relativ unkontrolliert und unpr&#228;zise erfolgen und somit eher wahllos Verw&#252;stung unter Zivilisten anrichten.</p>
<p>In den zerst&#246;rten H&#252;tten findet man zerbrochene Emailsch&#252;sseln, und Tonkr&#252;ge, alte Lederkoffer, Plastikpantoffeln und zerrissene B&#252;cher &#8211; auch den heiligen Koran. Verkohlte Bettgestelle, verschmorte Zahnb&#252;rsten. Auf dem ehemaligen Marktplatz liegen Dutzende gesprengte Tresore. In der Schule leisteten die Jenjaweed besonders gr&#252;ndliche Arbeit. Die Tafeln sind von den W&#228;nden gerissen und auf dem Boden finden sich zerst&#246;rte Schulhefte und B&#252;cher &#8211; in stundenlanger Arbeit von Hand in kleine St&#252;cke gerissen. Auf manchen Fetzen sind noch Mathematikaufgaben, Englischvokabeln oder Islamstudien zu erkennen.<br />
Doch Raub und Zerst&#246;rung von Hab und Gut sind nicht die einzigen schrecklichen Auswirkungen dieses B&#252;rgerkrieges. Amnesty International (AI) berichtet von Gr&#228;ueltaten wie Missbrauch, Folter und Vergewaltigung auch von Seiten der Rebellen, aber aufgrund der Sicherheitslage und der Einreisebeschr&#228;nkungen ist es schwierig,  Beweise zu sammeln. Es ist ein schmutziger Krieg. Afrikaner t&#246;ten Afrikaner. Muslims t&#246;ten Muslims. Helden gibt hier keine, daf&#252;r viele Opfer.</p>
<p>Ethnische Konflikte zwischen schwarzafrikanischen und arabischen St&#228;mmen gab es seit jeher. Im Februar 2003 bildeten sich die beiden Rebellengruppen SLA und JEM &#8211; zu einem Zeitpunkt, als die Friedenverhandlungen zwischen der sudanesischen Regierung und den Rebellen im S&#252;dsudan gerade erste Erfolge zeigte.</p>
<p>Die Rebellenbewegung hatte berechtigte Vorw&#252;rfe gegen die Regierung. Darfur wurde erheblich vernachl&#228;ssigt &#8211; Stra&#223;en, Krankenh&#228;user, Schulen verfielen. Gutbezahlte Regierungsstellen wurden haupts&#228;chlich an Araber vergeben, obwohl diese die Minderheit darstellten. Viele Betroffene sahen keine andere M&#246;glichkeit, als sich ihre Rechte mit Waffengewalt zu erk&#228;mpfen, so wie es die Rebellen im S&#252;dsudan vorgemacht hatten. In ihrem Manifest lud die SLA Araber und Afrikaner gleicherma&#223;en ein, gegen die &#8222;Rassendiskriminierung, den Ausschluss und die Ausbeutung&#8220; zu protestieren, um ein &#8222;Sudan auf der Basis von Gleichheit, Einschr&#228;nkung von Machtbefugnissen, gleicher Entwicklung, politischem Pluralismus sowie moralischen und materiellen Aufschwung f&#252;r alle Sudanesen&#8220; zu schaffen.</p>
<p>Im April 2003 griff schlie&#223;lich  die frisch gegr&#252;ndete SLA den Flughafen in El Fasher an, zerst&#246;rte Kampfjets und t&#246;tete Regierungssoldaten. Durch diesen Angriff kam die SLA erstmals zu einer ernstzunehmenden Anzahl von Waffen, Land Cruisers und Thuraya Satellitentelefonen.</p>
<p>Der Konflikt eskalierte schnell. Die sudanesische Armee flog daraufhin Luftangriffe auf die Zivilbev&#246;lkerung und unterst&#252;tzte die Jenjaweed bei &#220;berf&#228;llen auf D&#246;rfer, weil der Verdacht bestand, dass die Bewohner mit den Rebellen kooperieren und sie mit Nahrungsmitteln unterst&#252;tzen w&#252;rde. An dieser Vorgehendweise hat sich bis heute nichts ge&#228;ndert.</p>
<p>&#8222;Die Zivilbev&#246;lkerung ist die SLA&#8220;, sagt Sulemein Mohammad Jamous, humanit&#228;rer Koordinator der SLA. &#8222;Wir zwingen keinen, sich uns anzuschlie&#223;en. Alle sind freiwillig hier.&#8220; Wenn n&#246;tig wollen die Soldaten der SLA solange weiterk&#228;mpfen, bis sie die Hauptstadt Khartum eingenommen haben. 35.000 Mann will die SLA unter Waffen haben. &#8222;Wenn n&#246;tig mobilisieren wir 200.000. Jeder Junge der eine Waffe halten kann wird bereit sein, f&#252;r unsere Sache zu sterben&#8220;,  da ist sich Jamous sicher. Tats&#228;chlich befinden sich jetzt schon erschreckend viele Jugendliche unter den Rebellen &#8211; manche noch halbe Kinder. Hamid behauptet, er sei 16, sieht aber eher aus wie 13. &#8222;Ich m&#246;chte meine Eltern r&#228;chen&#8220;, sagt er, entsichert seine Kalaschnikow und zielt auf einen imagin&#228;ren Punkt in der Ferne, dann zeigt er auf seine Hijabs: &#8222;Mich kann keiner t&#246;ten.&#8220; Aus ihm spricht die &#220;berzeugung eines Kindes.</p>
<p>Die Frage, wie die SLA Khartum einnehmen will, kann Jamous nicht beantworten. Die Rebellen kontrollieren im Augenblick zwar etwa 80 Prozent von Darfur, aber diese 80 Prozent bestehen ausschlie&#223;lich aus Weideland, W&#252;stengebieten oder kleinen D&#246;rfern. Keine einzige Stadt ist derzeit unter ihrer Kontrolle. Sie hatten zwar kurzzeitig Kurnoi eingenommen, doch nach einer erbarmungslosen Schlacht mit Hunderten von Toten auf beiden Seiten fiel diese wieder zur&#252;ck an die Regierungstruppen.<br />
&#8222;Alle Waffen, die wir besitzen, haben wir der Regierung abgenommen &#8211; so bewaffnen wir unsere K&#228;mpfer. Je &#246;fter wir k&#228;mpfen, desto schneller werden wir siegen&#8220;, sagt Abdulrahman Ardjar, Kommandant des Versorgungsst&#252;tzpunkts Amerei wenige Kilometer von dem zerst&#246;rten Dorf Anka entfernt. Wenn das Benzin knapp wird &#252;berfallen die Rebellen einen Konvoi der Regierung &#8211; es kam auch schon vor, dass Konvois von Hilfsorganisationen &#252;berfallen wurden. &#8222;Ein Missverst&#228;ndnis&#8220;, mein Abdulrahman, und nat&#252;rlich keine Missachtung des Waffenstillstands. Hoffnung setzt die SLA auf die USA &#8211; wahrscheinlich die einzige muslimische Bewegung. &#8222;George Bush wird uns helfen&#8220;, sagt Ardjar. &#8222;In Afghanistan und im Irak l&#228;sst er ja auch Araber t&#246;ten.&#8220;</p>
<p>Eine tr&#228;ge Ruhe herrscht in dem kleinen Dorf Amerei. Doch die Ruhe ist tr&#252;gerisch. Jeden Tag passieren Fahrzeuge &#8211; vollbeladen mit Waffen, Munition und Soldaten &#8211; das Dorf Richtung S&#252;den. Die Friedensverhandlungen zwischen den Rebellen und der sudanesischen Regierung, die in der nigerianischen Hauptstadt Abuja stattfanden, wurden gerade abgebrochen. Die Rebellen weigerten sich, die Gespr&#228;che fortzuf&#252;hren. Sie beschuldigen die Regierung, den im April 2004 ausgehandelten Waffenstillstand gebrochen zu haben. Die Afrikanische Union (AU) beschuldigt beide Seiten.</p>
<p>Sulemein Jamous Meinung nach erf&#252;llen die Friedensgespr&#228;che f&#252;r die Regierung ohnehin nur eine Alibifunktion. So kann sie den Konflikt im S&#252;den beenden und sich dann voll und ganz auf den Krieg in Darfur konzentrieren. &#8222;Das schlimmste steht uns noch bevor. Wir sind auf alles vorbereitet.&#8220;<br />
Jeden Tag werden neue Schreckensmeldungen &#252;ber Satellitentelefon verbreitet. Besonders heftig sollen die K&#228;mpfe in der Gegend um Labador sein &#8211; &#246;stlich von Nyala, Darfurs gr&#246;&#223;ter Stadt.</p>
<p>Und w&#228;hrend die Rebellen ihre Truppen und St&#252;tzpunkte nach S&#252;den verlegen, reagiert die sudanesische Regierung, indem sie wieder damit beginnt, D&#246;rfer im Norden zu bombardieren. In der ersten Januarwoche griffen Antenowbomber und Jenjaweed die Rebellenhochburg Saya, nord&#246;stlich von El Fasher an, es soll viele Tote gegeben haben &#8211; die Zivilbev&#246;lkerung konnte nicht besch&#252;tzt werden. Khartum ist in weite Ferne ger&#252;ckt. Ein Frieden f&#252;r Darfur ebenfalls.</p>
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