Irak

Raketen im Badezimmer

Tuesday, February 20th, 2007 | Irak | No Comments

Diesmal schreibt Carsten aus Faludscha:

Raketen im Badezimmer
Was macht man eigentlich bei Raketenalarm? Oder warum man nachts nicht duschen sollte.

Ich bin umgeben von einer Burg aus Sandsäcken und Beton. Der da drüben an der Mauer lehnt, das ist Leutnant Bob. Der mit der Zigarette, hat sich mit Sergeant Mathews vorgestellt. Neben ihm sitzt einer, der nicht redet aber raucht. Er hat seinen Namen nicht genannt, deswegen stelle ich ihn nicht vor. Auch nicht die acht anderen Männer und Frauen, die alle mich angucken – und grinsen. Warum? Nun ja, ich gebe ein klägliches Bild ab. Halb nackt und patschnass, nur ein Handtuch um die Lenden gebunden. Ich zittere. Wegen dem Adrenalin aber hauptsächlich, weil es saukalt ist. Mir ist meine Lage ein bisschen peinlich. Was ich hier mache? Ich verrate es Ihnen. Also, von Anfang an.

Vor zwei Tagen kam ich in Falludscha an. Einer Stadt im sunnitischen Dreieck, dem Zentrum des irakischen Widerstands gegen die US geführten Koalitionstruppen. Ein Tummelplatz ehemaliger Funktionäre und treuer Anhänger des Saddam-Regimes. Hier wimmelt es von Selbstmordattentätern, Scharschützen und Sprengfallen, denen der Garaus gemacht werden soll.

Am Hubschrauberlandeplatz begrüßte mich Leutnant Edwards, Presseoffizier des United States Marine Corpes, „the pride of our nation.“ Ein sehr netter Kerl aus Kalifornien.
„Junge“, sagt er. „Hier fallen regelmäßig Raketen, Granaten und Mörser ins Camp.“ Aber darüber solle ich mir keinen Kopf machen. Die Iraker können nicht zielen, höre ich. Meistens schlagen sie vor dem Camp ein, die Granaten und Raketen, nicht die Iraker. „Vielleicht wackelt nachts Deine Hütte ein bisschen.“ Das sei schon alles, nichts worüber man sich Sorgen machen müsste. Aha. Ich verdaute die Sätze: Raketen, Mörser Granaten? Nur ein bisschen aus den Träumen gewackelt werden? Keine Sorgen machen?
„Weiß Du eigentlich, was Du bei Raketenalarm machen musst?“ Leutnant Edwards legte die Hände an den Mund, ahmte eine Sirene nach und sagte: „incoming, incoming.“ Es hörte sich an wie ein Rap-Song.
„Rennen?“
„Ja, richtig. Am besten in den Bunker. Ach ja, und besser nachts nicht duschen.“ Okay, nachts nicht duschen. Dann ging ich schlafen. Es war schon zwei Uhr morgens und ich war hundemüde.

Alarm!

Um halb vier wackelte die Bude. Bumm. Ich wartete und verkrampfte auf der Matratze. Noch mal Bumm. Dann rannte ich, aus der Tür ins Dunkle, im Halbschlaf. Verdammt! Wo war jetzt noch mal der Bunker? In so einer Situation, dachte ich bei mir, ist es besser, nicht stehen zu bleiben. Also lief ich weiter und weiter und weiter. Einen Bunker sah ich nicht. Wie gesagt, es war stockdunkel. Währenddessen überlegte ich, ob ich vor den Raketen weglaufe oder ihnen entgegen. Scheißgefühl. Bald fiel mir auf, dass ich der einzige war, der durch die Nacht rennt. Falsch, an einem Raucherstüberl stand ein Marine und, na was wohl, rauchte.
„Wo ist der Bunker“, hechelte ich.
„Warum?“ Der Soldat sah erstaunt aus.
„Na, wegen der Raketen!“
„Wegen was? Ach so!“ Er begann zu lachen. „Mann, dass war unsere Artillerie.“ Und ich war mir sicher, er hätte am liebsten „Kleiner“ drangehängt. Was will man machen? Ich bin ein Stadtkind aus München. Nix Bomben. Außer vielleicht mal ne angerostete Fliegerbombe aus dem letzten Krieg – und da wird die halbe Stadt evakuiert. Ich versuchte sein Kichern zu ignorieren, während ich mich trollte. Als ich meinen Container erreichte, sah ich den Bunker. Drei Meter neben meiner Türe. Gut zu wissen.

Die zweite Nacht verlief ein wenig anders. Ich war den ganzen Tag mit auf einer Patrouille gewesen. Ein potentieller Selbstmordattentäter wurde gesucht, später ein Scharfschütze. Ich war verschwitzt, roch streng und fror. Alles, was ich wollte, war eine heiße Dusche. Und ich duschte. Mensch, tat das gut.

Ich hatte gerade das Shampoo aus den Haaren gespült, da hörte ich es: „Incoming, incoming“, samt Sirene. Erst dachte ich, Leutnant Edwards steht im Duschcontainer und erlaubt sich einen Scherz. Dann machte es „Bumm“. Nicht sehr nah, aber laut genug. Ich rannte, dabei band ich mir mein Handtuch um die Hüfte, sprang aus dem Container und in den Bunker. Patschnass, wie ich war.

Jetzt wissen Sie, warum ich hier kauere, mir ziemlich dämlich vorkomme und aufpasse, dass das Handtuch nicht abrutscht. Aber: Nun verstehe ich, warum man nachts nicht duschen soll. Und eine gute Geschichte ist es auch.

Nashörner in Bagdad

Friday, February 16th, 2007 | Allgemein, Irak | 1 Comment

Einige erinnern sich vielleicht, ich habe mal mit Carsten Stormer zusammengewohnt und sein Leben hat etwas andere Formen als meines angenommen. Hier sein neuester Bericht aus Bagdad:

Nashörner in Bagdad
Von den Schwierigkeiten von einem amerikanischen Militärlager ins andere zu kommen.

Warten ist mühsam. In Bagdad wartet man lange, sehr lange – und sehr oft. Am Flughafen auf einen Helikopter, der um 14 Uhr abfliegen soll, zum Beispiel. Auf diesen freue ich mich seit sieben Stunden. Dass er eine Stunde früher abflog, diese Information hat man mir vorenthalten. Man erfährt es erst, wenn es schon zu spät ist. „Der Pilot war zu früh und wolle nicht warten“, heißt es um halb drei. „Werter Herr, hätte man da nicht Bescheid geben können?“, frage ich und rufe ein Schulterzucken hervor. Dass ich mir die Nacht auf harten Plastikstühlen um die Ohren geschlagen habe, nur, um diesen Vogel zu erwischen, das interessiert den netten Mann in Uniform nicht. Auch nicht, dass ich in die Grüne Zone muss, um meine Akkreditierung zu erhalten. „Dies war der letzte Hubschrauber, der in die Grüne Zone fliegt. Zumindest für heute. Sorry“, höre ich. Morgen? Ja, da gehe wieder einer. Wann? „Um 14 Uhr, wie immer.“ Aha.

„Nun machen Sie sich mal keine Sorgen, Sir. Alles kein Problem“, sagt der Soldat. „Nehmen Sie doch den ‚Rhino’.“ Den was? „Den R-H-I-N-O, Mann. Das ist ein gepanzerter Bus, der den Flughafen mit der Grünen Zone verbindet.“ Ach so. Also die kriegstaugliche Version eines Shuttlebusses, wie an jedem normalen Flughafen. Nur, dass dieser Bus am Wegesrand platzierte Bomben verträgt. Granaten und Panzerfäuste sowieso. Beruhigend. Egal, immer noch besser als Hubschrauber zu fliegen, denn die werden gerne abgeschossen. Fünf allein in den letzten zwei Wochen. Seit Ausbruch des Krieges waren es insgesamt fünfzig. Die Aufständischen sollen eine neue, „hoch entwickelte Waffe“ benutzen, las ich in Stars and Stripes. Also ab in den Bus.

„Rhino“, die englische Abkürzung für Nashorn. Ich stelle mir ein dickes, graues Gefährt vor – vielleicht mit einem Horn vorne an der Windschutzscheibe. Nur, wo fährt er ab und wie komme ich dorthin? Gibt es Bushaltestellen? Muss ich laufen? Per Anhalter fahren? Verdammt, kann mir mal einer helfen!
„Ach“, sagt der freundliche Soldat, der mir nicht Bescheid gab, dass sich der Flugplan geändert hat. „Das ist ganz einfach. Mit dem Bus nach Camp Stryker, umsteigen, und dann weiter nach Camp Liberty.“
Und wann fährt der Rhino ab?
„Keine Ahnung, Mann. Auf Wiedersehen.“
Danke, und wo zum Teufel sind Liberty und Stryker?

Alles leichter, als gedacht. Gleich vor dem Hangar ist eine Bushaltestelle. Nach nur einer Stunde kommt schon ein Bus. In Camp Stryker steige ich um nach Liberty. Am Himmel kreisen Kampfhubschrauber und ich bilde mir ein, Maschinengewehrfeuer zu hören. Warum auch nicht, immerhin ist das hier Bagdad. Am Fenster ziehen einige von Saddams Palästen vorbei. Groß und prächtig, manche sogar mit künstlich angelegten Seen. Wow! Ich muss an Sheherazade denken, dem Mädel aus 1001 Nacht.

In Camp Liberty erfahre ich, dass der „Rhino“ hier gar nicht abfahre. „Dafür müssen Sie nach Camp Stryker. Hat man Ihnen das nicht gesagt?“ Aber ob ich nicht einen Kaffee möchte, solange ich auf den Bus warte. Sehr freundlich diese Amerikaner. Nur etwas planlos wirkt der Informationsfluss. Ob man mir denn verraten könne, wann der Rhino abfährt. Nö, das könne man leider nicht. Noch nen Kaffee?

Also wieder zurück nach Camp Stryker. Von dem Bus, den ich nehmen sollte, sah ich nur noch die Rücklichter. Er kam, sah und fuhr zu früh ab. Großartig, dann kann ich mir die Zeit noch ein wenig mit Warten vertreiben. Ich komme mir inzwischen ein bisschen albern vor, mit schusssicherer Weste, Helm und zwei Rucksäcken von Lager zu Lager zu hetzen.

20 Uhr. Ziel erreicht. Hier hätte ich schon vor drei Stunden sein können. Ich bin mir sicher, dass ich den Nashorn-Bus verpasst habe. Nee, der fahre erst zwischen 23 und drei Uhr ab, sagt man mir. Genauer gehe es leider nicht. Na, endlich eine Aussage, mit der etwas anfangen kann. Zum Glück bin ich zu früh da.

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